Ambroxide Cryst. – Ambroxan aus Holzminden

Ambroxide Cryst. – das Molekül ohne Namen, aus der Stadt, in der die synthetische Parfümerie geboren wurde

In einer Industrie, die ihren Molekülen Namen gibt wie Rennyachten – Ambrofix, AmberMor, Orcanox – verkauft Symrise sein Ambroxan schlicht unter dem chemischen Namen: Ambroxide Cryst. Keine Legende auf dem Etikett. Das ist keine Bescheidenheit – das ist eine Ansage. Wenn das eigene Haus über hundertfünfzig Jahre alt ist und die synthetische Riechstoffchemie buchstäblich in der eigenen Straße begann, muss man den Namen eines Moleküls nicht schmücken.

Die Stadt an der Weser

Holzminden, rund zwanzigtausend Einwohner. Hier synthetisierten die Chemiker Wilhelm Haarmann und Ferdinand Tiemann 1874 zum ersten Mal in der Geschichte Vanillin – aus Coniferin, einem Glykosid aus dem Saft von Nadelbäumen. Der erste industriell hergestellte Duftstoff der Menschheit – und der Moment, in dem die „Königin der Gewürze" nicht mehr nur den Reichen gehörte. Um diese Synthese herum wuchs die Firma Haarmann & Reimer. 1919 gründete Carl-Wilhelm Gerberding in derselben Stadt Dragoco. Fast ein Jahrhundert lang arbeiteten die beiden Häuser wenige Straßen voneinander entfernt, bis sie am 23. Mai 2003 eines wurden: die Symrise AG – heute im DAX notiert, mit Hauptsitz nach wie vor in Holzminden. Wer Ambroxide Cryst. kauft, kauft bei einem Haus, das älter ist als das Molekül selbst – um ein Dreivierteljahrhundert.

Handwerk ohne Spezialeffekte

Die Route ist die klassische, über Jahrzehnte verfeinerte: Sclareol aus dem Muskatellersalbei → Sclareolid → Ambradiol → Zyklisierung zum Ambroxid. Der gesamte Kohlenstoff ist pflanzlichen Ursprungs – daher der ehrliche Renewable Factor von 100 %. „Klassisch" heißt aber nicht „erstarrt": 2018 ließ sich Symrise ein einstufiges Verfahren patentieren (US20210300885A1), das Sclareol mit Ozon direkt zu Sclareolid oxidiert – statt der schweren klassischen Oxidationsmittel nur Luft, Sauerstoff und Ingenieurspräzision. Solche Patente schaffen es nie in die Werbung. Sie schaffen es in die Ökobilanz.

Der Name, den es nicht gibt

Die Logik steht im Katalog von Symrise selbst: Generische Moleküle laufen unter chemischen Namen – Ambroxide Cryst., Acetanisole Cryst. –, während die Markennamen den eigenen Erfindungen vorbehalten sind: Eine Zeile weiter steht Ambrocenide®, der Woody-Amber-Booster aus eigener Entwicklung. Ambroxid ist längst patentfrei, Parfümeure kennen es über die CAS-Nummer – ein Fantasiename würde hier nichts hinzufügen. Es verkauft nicht der Name: Es verkauft der Kristall mit mindestens 99 % Reinheit.

Der Kristall bei der Arbeit

Die Herstellerangaben nennen es „lead substance for ambery creations" – Leitsubstanz für ambrige Kompositionen: eine saubere, substantive Amber-Note, Basis und Fixateur mit seltener Haftung auf Haut und Textil. Einsatzbereich 0,1–2 %. Ein eigener Trumpf ist die Stabilität in chlorhaltigen Medien: Eine Amber-Note, die Bleiche übersteht, hat freien Zutritt zur funktionalen Parfümerie – von der Seife bis zum Waschmittel. In der Praxis: Vorverdünnung von 10–20 % in Ethanol oder DPG; niedrige Dosierungen aus der Lösung einwiegen.

Hersteller / Produkt-Nr. Symrise AG, Holzminden / 600304
CAS-Nr. 6790-58-5
Summenformel / MW C16H28O / 236,4 g/mol
Materialform Weißliche bis weiße Kristalle, Reinheit ≥ 99 % (GC)
Einsatzbereich 0,1–2 %
Erneuerbarer Kohlenstoff 100 %
Biologische Abbaubarkeit 71 % – leicht biologisch abbaubar

Eine CAS-Nummer – vier Häuser

CAS 6790-58-5 wird von vier großen Häusern produziert: Symrise (Ambroxide Cryst., Halbsynthese aus Sclareol), dsm-firmenich (Ambrox® Super, weiße Biotechnologie seit 2016), Givaudan (Ambrofix™, Fermentation aus Zuckerrohr seit 2019) und IFF (Ambermor®). Ein Molekül – verschiedene Wege und Philosophien. Den vollständigen Vergleich samt Dosierungen finden Sie auf der Seite Ambroxan: alle Versionen im Vergleich.

Regulierung

Nach den Meldungen im ECHA C&L-Inventar nicht als gefährlich eingestuft. Kein IFRA-Standard. RIFM-Bewertung: nicht genotoxisch, kein PBT-Stoff. Weltweiter Einsatz des Moleküls in Duftstoffen: 100–1000 Tonnen jährlich – die stille Stütze der halben Parfümerie-Regale.

Häufige Fragen

Ist Ambroxide Cryst. Ambroxan?

Ja. „Ambroxan" ist der gebräuchliche Name für das Molekül mit der CAS-Nummer 6790-58-5. Symrise verkauft es unter dem chemischen Namen Ambroxide Cryst.; andere Häuser nennen dasselbe Molekül Ambrofix, AmberMor oder Ambrox.

Worin unterscheidet es sich von Ambrofix, AmberMor und Ambrox Super?

Chemisch in nichts – gleiche CAS-Nummer. Die Unterschiede liegen im Haus und im Herstellungsweg: Halbsynthese aus Sclareol bei Symrise, Biotechnologie bei dsm-firmenich und Givaudan. Details im Versionsvergleich.

Warum trägt es keinen Markennamen?

Symrise reserviert Markennamen für eigene Erfindungen wie Ambrocenide®; längst patentfreie Moleküle laufen unter ihren chemischen Namen. Ambroxid kennt der Markt über die CAS-Nummer – der Name würde nichts hinzufügen.

Kommt Ambroxid in der Natur vor?

Ja – es ist einer der Schlüssel-Duftstoffe der natürlichen Ambra, wo es durch Oxidation des Triterpens Ambrein entsteht. Der industrielle Weg führt über Sclareol aus dem Muskatellersalbei.

Wie dosiere ich Ambroxide Cryst.?

0,1–2 % im Konzentrat, am besten aus einer 10–20-%-Vorverdünnung in Ethanol oder DPG. Nach ECHA C&L nicht als gefährlich eingestuft; ein IFRA-Standard existiert nicht.


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