ISO E Super® – von Fahrenheit bis Molecule 01
ISO E Super® von IFF – Die vollständige Referenz
ISO E Super® ist eines der bekanntesten und meistdiskutierten Parfümerie-Moleküle der Gegenwart. Es steht hinter einigen der einflussreichsten Düfte der letzten Jahrzehnte – und ist gleichzeitig eines der am wenigsten verstandenen Materialien in der DIY-Parfümerie. Diese Seite fasst alles zusammen, was Parfümeure und Formulierer wissen sollten.
Inhalt
- Was ist ISO E Super®?
- Chemie – eine Mischung, kein einzelnes Molekül
- ISO E Super® und seine Analoga
- Wie riecht ISO E Super®?
- Der Halogenton-Effekt
- Dosierung und Wirkung
- Praktisch – Lösen, Lagern, Kombinieren
- Geschichte – von Fahrenheit zu Molecule 01
- IFRA-Status und Regulierung
- Häufige Fragen
1. Was ist ISO E Super®?
ISO E Super® ist ein synthetisches Duftstoffmaterial von IFF (International Flavors & Fragrances) aus der Gruppe der Iso-Cyclo-Verbindungen. Der vollständige chemische Name lautet 1-(1,2,3,4,5,6,7,8-Octahydro-2,3,8,8-tetramethyl-2-naphthyl)ethan-1-on – kurz: ein polyzyklisches Keton mit einer charakteristischen Woody-Cedar-Signatur.
ISO E Super® ist streng genommen kein einzelnes Molekül. Es ist eine komplexe Mischung von Isomeren – unterschiedliche räumliche Anordnungen derselben Atome. Genau diese Mischung macht es zu einem der faszinierendsten und gleichzeitig am schwierigsten zu beschreibenden Rohstoffe in der Parfümerie.
Laut IFF wird ISO E Super® mit 0,15% Tocopherol stabilisiert – ein Antioxidans das die Haltbarkeit der flüssigen Rohstoffmischung sichert.
2. Chemie – eine Mischung, kein einzelnes Molekül
Dieser Abschnitt ist der Schlüssel zum Verständnis von ISO E Super®.
Als IFF-Chemiker John B. Hall und James M. Sanders das Molekül 1973 entwickelten, patentierten sie eine Verbindung namens Isocyclemone E. Die kommerziell produzierte Version – ISO E Super® – erwies sich jedoch bei näherer Untersuchung als etwas anderes: eine komplexe Isomerenmischung.
Givaudan-Chemiker entdeckten in den 1990er Jahren dass das Hauptmolekül der Mischung einen Geruchsschwellenwert von etwa 500 ng/l hat. Es riecht kaum.
Der Geruch von ISO E Super® wird zu einem Großteil von einem Nebenprodukt bestimmt: Arborone (auch Iso E Super Plus genannt). Arborone macht nur etwa 5% des kommerziellen ISO E Super® aus – hat aber einen Geruchsschwellenwert von 0,005 ng/l. Das ist 100.000-mal stärker als das Hauptmolekül.
Trotz jahrzehntelanger Forschung ist es bisher nicht gelungen, Arborone in industriellen Mengen herzustellen. Verschiedene Hersteller haben Varianten mit höherem Arborone-Anteil entwickelt:
- ISO E Super® – IFF (Original, ca. 5% Arborone)
- Timbersilk – IFF (höherer Gamma-Isomerenanteil)
- Sylvamber – DRT (höherer Arborone-Anteil)
Handelsnamen und Synonyme für ISO E Super®:
- OTNE (Octahydrotetramethyl Acetophenone)
- Isocyclemone E
- Patchouli Ethanone
- Tetramethyl Acetyloctahydronaphthalenes
- Amberfleur, Orbitone, Anthamber, Ambroise super
3. ISO E Super® und seine Analoga – ein ganzes Molekülfamilie
ISO E Super® ist ein eingetragenes Warenzeichen von IFF. Nur das Produkt von IFF trägt diesen Namen mit dem Schutzzeichen ®. In der Praxis wird die Bezeichnung ISO E Super jedoch häufig als Gattungsbegriff verwendet – für alle Materialien dieser Molekülklasse, unabhängig vom Hersteller.
Das führt in der Praxis zu Missverständnissen: Wer irgendwo ISO E Super kauft ohne zu wissen woher es kommt, weiß nicht immer was er tatsächlich bekommt. Die Isomerenverteilung, der Arborone-Anteil und damit das Duftprofil können von Produkt zu Produkt erheblich variieren.
Gleichzeitig bedeutet das: Es gibt eine ganze Familie verwandter Materialien – jedes mit eigenem Charakter, eigenen Stärken und eigenen Nuancen. Kein einziges davon ist eine einfache Kopie. Jedes verdient einen eigenen Platz in der Formel.
Übersicht der wichtigsten Materialien dieser Familie:
- ISO E Super® (CAS 54464-57-2 / 68155-66-8) – IFF. Das Original. Ca. 5% Arborone-Anteil. Sanft, samtartig, vielseitig.
- Timbersilk – IFF. Höherer Gamma-Isomerenanteil. Klarer, stärker, direkter in seinem Woody-Charakter.
- Sylvamber – DRT. Höherer Arborone-Anteil. Intensiveres, trockeneres Profil.
- Amberfleur – chemisch dieselbe Molekülklasse wie ISO E Super® (CAS 54464-57-2), lediglich unter einem anderen Handelsnamen; in unserem Sortiment als Alternative erhältlich.
- Methylcyclomercitone – trockeneres, holzigeres Profil. Stärker strukturiert, weniger samtig als ISO E Super®.
- Georgywood (CAS 185429-83-8, C₁₆H₂₆O, MW 234,4) – ein Isomer der Iso-Cyclo-Familie mit eigenem, charakteristischem Woody-Profil.
Für den Parfümeur bedeutet das: Es lohnt sich, verschiedene Materialien dieser Familie auszuprobieren und zu vergleichen. Was in einer Formel mit ISO E Super® eine bestimmte Wirkung erzielt, kann mit Sylvamber oder Methylcyclomercitone eine andere – manchmal interessantere – Dimension bekommen. Die Materialien ergänzen sich, sie ersetzen sich nicht.
4. Wie riecht ISO E Super®?
ISO E Super® ist schwer zu beschreiben – und das ist kein Zufall. Es ist ein Rohstoff der auf unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich wirkt und der seinen Charakter je nach Konzentration grundsätzlich verändert.
IFF beschreibt das Profil offiziell als smooth, woody, amber – mit einzigartigen Aspekten die eine samtartige Textur erzeugen.
ISO E Super® wird wahrgenommen als:
- trockenes Zedernholz
- samtartige Holzigkeit
- warme mineralische Facetten
- florale Holznuancen
- leichte Ambra-Tiefe
- subtile Hautwärme
- animalische Wärme in hohen Dosierungen
- lang anhaltender Drydown
Ein bekanntes Phänomen: Viele Menschen können ISO E Super® aus der Flasche kaum riechen. Das liegt daran dass Arborone – der geruchsaktivste Bestandteil – auf dem Blotter weniger zur Geltung kommt als auf der Haut. Auf der Haut entfaltet es sich durch Körperwärme und Hautchemie zu einem charakteristischen Woody-Cedar-Aura.
Geza Schoen, Parfümeur und Gründer von Escentric Molecules, beschrieb die Wirkung von ISO E Super® als hypnotisch und unwiderstehlich – einen Duft den man immer mehr will. Er baute darauf Molecule 01 – ein Parfüm aus einem einzigen Inhaltsstoff, das zur Kultmarke wurde.
5. Der Halogenton-Effekt
Der Halogenton-Effekt ist eine der wichtigsten Eigenschaften von ISO E Super® – und einer der Gründe warum es in so vielen Formeln eingesetzt wird.
Der Begriff beschreibt folgendes Phänomen: ISO E Super® in niedrigen Dosierungen macht andere Duftstoffe mehr wie sie selbst. Es verstärkt und vertieft andere Noten ohne selbst wahrnehmbar zu sein.
Ein holziger Akkord wirkt holziger. Ein floraler Akkord wirkt blumiger. Ein Moschus wirkt tiefer und hautnaher. ISO E Super® fungiert dabei als unsichtbarer Verstärker – ein Effekt der in dieser Form bei anderen Rohstoffen selten zu finden ist.
In höheren Dosierungen tritt ISO E Super® selbst in den Vordergrund mit einer charakteristischen trockenen, samtigen Woody-Signatur.
6. Dosierung und Wirkung
ISO E Super® ist extrem konzentrationsabhängig in seiner Wirkung:
- 0,5–2% – unsichtbare Verstärkung anderer Noten, Halogenton-Effekt
- 2–5% – subtile Woody-Tiefe, verbessert Projektion und Zusammenhalt
- 5–15% – klare ISO E Super®-Signatur, eigenständiger Woody-Cedar-Charakter
- über 15% – dominanter molekularer Charakter, fast hypnotische Wirkung
In der Praxis werden außergewöhnlich hohe Dosierungen eingesetzt:
- Fahrenheit (Christian Dior, 1988) – ca. 25% im Konzentrat. Erster Meilenstein des Overdosing
- Terre d'Hermès (Jean-Claude Ellena, 2006) – hoher ISO E Super® Anteil, prägt den mineralisch-holzigen Charakter
- Molecule 01 (Escentric Molecules, 2006) – ausschließlich ISO E Super® in Ethanol
- Feminite du Bois (Shiseido, 1992) – ca. 43% ISO E Super®
Für erste Versuche empfiehlt sich ein Einstieg bei 1–2% im Konzentrat.
7. Praktisch – Lösen, Lagern, Kombinieren
Lösen
- ISO E Super® ist eine Flüssigkeit – kein Lösen nötig
- Gut mischbar mit Ethanol, IPM, DPG und anderen parfümerischen Lösungsmitteln
- Direkt dosierbar in Formeln
Lagern
- Kühl, trocken, lichtgeschützt, dicht verschlossen
- Das Tocopherol schützt vor Oxidation
- Haltbarkeit: max. 24 Monate
Synergien
- Ambrofix™ – verstärkt die amber-holzige Tiefe, schafft warme Woody-Amber-Basis
- Cashmeran® – wärmt den Charakter, fügt samtartige Kaschmir-Note hinzu
- Galaxolide 50% in DPG – verbindet das Holzige mit weichem Moschus
- Sandalwood-Materialien – ISO E Super® verstärkt den Sandelholz-Charakter deutlich
- Vetiver – ISO E Super® öffnet und vertieft den erdigen Charakter
8. Geschichte – von Isocyclemone E zu Molecule 01
Die Geschichte von ISO E Super® beginnt in den 1960er Jahren, als Chemiker weltweit Ionon-Analoga erforschten – Verbindungen mit einem veilchenähnlichen Duftcharakter.
1973 entdeckten John B. Hall und James M. Sanders von IFF eine neue Verbindung. Sie patentierten sie als Isocyclemone E und entwickelten kurz darauf eine verbesserte Synthese – ISO E Super®.
Zunächst wurde ISO E Super® nur in kleinen Mengen eingesetzt. Das änderte sich 1988 mit Fahrenheit von Christian Dior: Parfümeur Jean-Louis Sieuzac verwendete ISO E Super® bei rund 25% des Konzentrats – ein bis dahin beispielloser Einsatz. Das war der Beginn des Overdosing-Trends.
1992 folgte Feminite du Bois (Shiseido) mit ca. 43% ISO E Super® – Pierre Bourdon und Christopher Sheldrake machten Holz-Kompositionen salonähig für Frauen.
In den 1990er Jahren entdeckten Givaudan-Chemiker die eigentliche chemische Natur von ISO E Super®: Das Hauptmolekül riecht kaum. Der Geruch kommt fast ausschließlich von Arborone – einem Nebenprodukt mit 100.000-fach niedrigerem Geruchsschwellenwert.
2006 erreichte ISO E Super® Kultsstatus: Molecule 01 von Escentric Molecules – ein Parfüm aus einem einzigen Molekül, konzipiert von Geza Schoen. Heute wird ISO E Super® in nahezu jedem zweiten Fine Fragrance eingesetzt.
9. IFRA-Status und Regulierung
ISO E Super® (CAS 54464-57-2 / 68155-66-8) unterliegt keinen mengenmäßigen IFRA-Beschränkungen in keiner Anwendungskategorie.
Hinweis: ISO E Super® hat einen hohen Log Pow (ca. 5,7) was auf eine gewisse Tendenz zur Bioakkumulation hinweist. Aktuelle IFRA-Standards und lokale Vorschriften vor der Verwendung in kommerziellen Produkten prüfen.
Häufige Fragen zu ISO E Super®
Was ist ISO E Super®?
ISO E Super® ist ein synthetisches Woody-Cedar-Material von IFF – eine komplexe Isomerenmischung mit einem charakteristischen samtigen, holzigen Duftprofil. Es gehört zu den meistverwendeten Rohstoffen der Parfümerie.
Warum riecht ISO E Super® aus der Flasche kaum?
Weil der geruchsaktivste Bestandteil – Arborone – nur etwa 5% der Mischung ausmacht und auf dem Blotter weniger zur Geltung kommt als auf der Haut.
Ist ISO E Super® dasselbe wie Molecule 01?
Nein. Molecule 01 verwendet eine spezielle IFF-Version mit höherem Gamma-Isomerenanteil die nicht frei verkäuflich ist. ISO E Super® ist die Standard-Version.
Was ist der Halogenton-Effekt?
Der Halogenton-Effekt beschreibt die Eigenschaft von ISO E Super® andere Duftstoffe in niedrigen Dosierungen zu verstärken – ohne selbst wahrnehmbar zu sein.
Gibt es IFRA-Einschränkungen für ISO E Super®?
Nein. ISO E Super® unterliegt keinen mengenmäßigen IFRA-Beschränkungen in keiner Anwendungskategorie.
Was ist der Unterschied zwischen ISO E Super® und Timbersilk?
Timbersilk ist eine IFF-Variante mit höherem Gamma-Isomerenanteil – stärker und klarer in seinem Woody-Charakter. ISO E Super® ist die Standardversion.
Was ist der Unterschied zwischen ISO E Super® und Amberfleur?
Amberfleur ist chemisch dieselbe Molekülklasse wie ISO E Super® (CAS 54464-57-2) – dasselbe Woody-Amber-Molekül, nur unter einem anderen Handelsnamen und aus anderer Fertigung. Kleinere Unterschiede in Isomerenverteilung und Charge sind möglich. In unserem Sortiment als Alternative erhältlich: Amberfleur →
Wie dosiert man ISO E Super® für erste Versuche?
Empfehlenswert ist ein Einstieg bei 1–2% im Konzentrat. Das reicht um den Halogenton-Effekt zu erleben ohne dass ISO E Super® die Komposition dominiert.