Oxyoctaline Formate – Brücke zwischen Holz und Amber

Oxyoctaline Formate von Givaudan – Die vollständige Referenz

Oxyoctaline Formate ist eines der am wenigsten verstandenen Materialien der modernen Parfümerie – nicht weil es unbedeutend wäre, sondern weil sein Wert sich erst im Kontext zeigt. Solo gerochen wirkt es unauffällig. In der Formel löst es Probleme, die kein anderes Material auf dieselbe Weise löst.

Inhalt

  1. Was ist Oxyoctaline Formate?
  2. Wie riecht es – solo und in der Formel?
  3. Warum man es überhaupt braucht
  4. Chemie und Physik
  5. Dosierung und Wirkung
  6. Praktisch – Lösen, Lagern, Kombinieren
  7. Position in Givaudans Ambery-Familie
  8. Stabilität
  9. IFRA-Status und Regulierung
  10. Häufige Fragen

1. Was ist Oxyoctaline Formate?

Oxyoctaline Formate (CAS 65405-72-3, EG-Nr. 265-742-1) ist ein synthetisches Molekül von Givaudan aus der Familie der Formiat-Ester eines octahydrierten Tetramethyl-Naphthalinols. Die Summenformel lautet C₁₅H₂₄O₂, das Molekulargewicht liegt bei 236,30 g/mol.

Ein Detail, das in keiner Produktbeschreibung auftaucht, aber direkt aus dem offiziellen Prüfzertifikat (Certificate of Analysis) hervorgeht: Oxyoctaline Formate ist keine einzelne, chemisch reine Verbindung. Geprüft wird es nach der Methode ISO 7609 als Summe von vier Isomeren (Reinheit ≥ 95 %) – vier eng verwandte Varianten desselben Molekülgerüsts. Die genauen strukturellen Unterschiede zwischen den vier Isomeren nennt das Prüfzertifikat nicht; verschiedene chemische Datenbanken listen für dieselbe CAS-Nummer leicht abweichende Bezeichnungen, was auf Unterschiede in der Position der Substituenten am Ringsystem hindeutet.

Das ist kein Makel. Zum Vergleich: Andere Givaudan-Ambermaterialien – allen voran Ambrofix™ – ziehen ihre Wirkung gerade aus der kontrollierten Reinheit eines einzigen Enantiomers. Oxyoctaline Formate verfolgt den gegenteiligen Ansatz: eine Mischung aus vier Isomeren. Ob dieser strukturelle Unterschied der alleinige Grund für den vielschichtigen, texturierten Eindruck ist, den Anwender dem Material zuschreiben, lässt sich aus den verfügbaren Daten nicht abschließend belegen – die Parallele ist aber auffällig genug, um sie zu erwähnen.

2. Wie riecht es – solo und in der Formel?

Hier muss man ehrlich sein, denn genau das erklärt, warum Oxyoctaline Formate so oft übersehen wird: Solo auf dem Blotter geprüft, ist es selten beeindruckend. Der Charakter ist trocken, holzig, leicht grün und pudrig – das offizielle Sensory Profile von Givaudan nennt "woody, dry, green, powerful". Auf der Herstellerseite wird zusätzlich ein ambrierter, olibanumartiger (weihrauchähnlicher) Unterton beschrieben.

Wer es zum ersten Mal riecht und einen lauten, sofort überzeugenden Duft erwartet, wird enttäuscht sein. Das ist normal – und es ist auch nicht der Zweck des Materials.

Der eigentliche Charakter zeigt sich erst im Zusammenspiel: In Kombination mit natürlichen Holzmaterialien wie Zedernholz, Vetiver oder Patchouli entfaltet Oxyoctaline Formate eine Tiefe, die einzeln nicht wahrnehmbar ist. Es bringt eine Art "frisch geschnittenes, noch feuchtes Holz"-Qualität in Kompositionen ein – anders als die trockene, statische Härte vieler anderer Holzmoleküle.

3. Warum man es überhaupt braucht

Die ehrliche Antwort auf "wofür brauche ich das" ist nicht "weil es gut riecht", sondern: weil es ein konkretes strukturelles Problem in Formeln löst, das viele Parfümeure kennen, aber selten benennen können.

Problem 1 – die Formel zerfällt in Einzelteile. Wer eine holzig-amberne Komposition baut und merkt, dass die einzelnen Zutaten nebeneinander stehen statt zu einem Ganzen zu verschmelzen, hat oft eine Lücke zwischen den transparenten Holznoten und der schweren Amberbasis. Oxyoctaline Formate wird in der Praxis genau für diese Übergänge eingesetzt – es füllt den Raum zwischen "luftig-holzig" und "schwer-ambriert", statt selbst im Vordergrund zu stehen.

Problem 2 – echter Weihrauch (Olibanum) ist teuer, instabil und nicht immer verfügbar. Naturöle und -resinoide von Olibanum schwanken stark zwischen Chargen und Ursprungsländern. In der Praxis wird Oxyoctaline Formate wiederholt als Werkzeug genannt, um einen glaubwürdigen Weihrauch-Effekt aufzubauen oder zu verstärken – auch ganz ohne natürliches Olibanum-Material.

Problem 3 – Oud- und Sandelholz-Akkorde wirken flach. Synthetische Oud-Basen und Sandelholz-Rekonstruktionen neigen dazu, zweidimensional zu wirken, wenn ihnen die harzige, leicht staubige Tiefe fehlt, die natürliches Agarholz mitbringt. Auch hier taucht Oxyoctaline Formate in der Praxis regelmäßig als unterstützendes Material auf.

Kurz gesagt: Man kauft dieses Material nicht, weil man es lieben wird, wenn man daran riecht. Man kauft es, weil man eine bestimmte Lücke in einer Formel hat – und dieses Material genau diese Lücke schließt.

4. Chemie und Physik

Hersteller Givaudan
Summenformel C₁₅H₂₄O₂
Molekulargewicht 236,30 g/mol
CAS-Nr. 65405-72-3
EG-Nr. 265-742-1
Chemische Bezeichnung 1,2,3,4,4a,7,8,8a-Octahydro-2,4a,5,8a-tetramethyl-1-naphthyl formate
Reinheit Summe von vier Isomeren, ≥ 95 % (ISO 7609)
Aussehen Farblos bis blassgelb, flüssig
Log Pow 5 (OECD 117)
Wasserlöslichkeit 2,2 mg/l bei 20 °C (praktisch unlöslich)
Dichte 1,032 g/cm³ bei 20 °C
Brechungsindex 1,5027 bei 20 °C
Schmelzpunkt < -20 °C
Siedepunkt 294 °C bei 1013 hPa
Flammpunkt 138 °C (geschlossener Tiegel)
Dampfdruck 0,0036 hPa bei 20 °C
Givaudan Code 5166003

5. Dosierung und Wirkung

Givaudan gibt den Einsatzbereich mit 0,5 % bis 10 % an. Mit einer Haltbarkeit von rund einer Woche auf dem Blotter gehört das Material eindeutig zu den Basisnoten.

  • 0,5–2 % – kaum wahrnehmbar für sich, stützt und verbindet bestehende Holz- und Amberakkorde. In dieser Größenordnung (1 %) taucht das Material auch in einer offiziellen Givaudan-Demoformel für eine Kerze auf ("Talisman", Ambermax-Rezeptur)
  • 2–5 % – deutlicher Olibanum-Effekt, geeignet zur Verstärkung von Weihrauch- oder Oud-Akkorden
  • 5–10 % – eigenständiger, texturierter Charakter tritt hervor

Die offizielle Performance-Bewertung von Givaudan bestätigt diese Rolle: gute Substantivität im feuchten Zustand, moderate Substantivität im trockenen Zustand, gute Wirkung in Seifenbasen ("Bloom in soap").

6. Praktisch – Lösen, Lagern, Kombinieren

Lösen

Praktisch wasserunlöslich (2,2 mg/l bei 20 °C), gut löslich in fetten und alkoholischen Trägern. Der hohe Log Pow-Wert von 5 zeigt eine starke Affinität zu Öl- und Wachsphasen.

Lagern

Bei 10–30 °C, trocken und gut belüftet lagern. Vor Licht schützen, unter Stickstoff aufbewahren. Behälter fest verschlossen halten.

Kombinieren

Auf Givaudans eigener Ingredient Map steht Oxyoctaline Formate am Ende der Ambery-Linie, mit Madrox als direktem Nachbarn und Kephalis zwei Stationen weiter. Die Nähe zu Kephalis auf derselben Linie deckt sich mit einer Kombination, die auch praktizierende Parfümeure unabhängig davon immer wieder empfehlen, um Kompositionen einen intensiveren, weihrauchartigen Akzent zu geben. Weitere in der Praxis bewährte Partner sind Materialien aus der Vetiver-, Patchouli- und Zedernholz-Familie, mit denen Oxyoctaline Formate die bereits beschriebene verbindende Wirkung entfaltet.

Die Geruchsstabilität in funktionalen Basen variiert je nach pH-Wert:

pH Basis Geruchsstabilität
2 Saurer Reiniger mittel
3 Weichspüler gut
3,5 Antitranspirant mittel
6 Shampoo gut
9 Allzweckreiniger mittel
9 Flüssigwaschmittel gut
10 Seife gut
10,5 Waschpulver mittel
11 Flüssigbleiche schlecht

7. Position in Givaudans Ambery-Familie

Auf Givaudans offizieller Ingredient Map – einer visuellen Übersicht, wie die hauseigenen Moleküle innerhalb der olfaktorischen Familien zueinanderstehen – bildet die Ambery-Linie einen aufschlussreichen Bogen: An einem Ende steht Ambrofix™, am anderen Ende steht Oxyoctaline Formate.

Das ist mehr als eine Randnotiz. Ambrofix™ steht für kontrollierte, biotechnologisch erzeugte Reinheit – ein einzelnes Enantiomer, Charge für Charge identisch. Oxyoctaline Formate steht für den gegenteiligen Ansatz: eine Mischung aus vier Isomeren, laut Prüfzertifikat. Diese strukturelle Andersartigkeit fällt zeitlich mit dem vielschichtigen, texturierten Eindruck zusammen, den Anwender dem Material immer wieder zuschreiben – ein belastbarer wissenschaftlicher Beleg für einen direkten Zusammenhang liegt allerdings nicht vor. Zwischen diesen beiden Polen liegt praktisch die gesamte Bandbreite dessen, was "Amber" in der modernen Parfümerie bedeuten kann – von makellos glatt bis lebendig komplex.

Wer Ambrofix™ bereits kennt und die Amber-Familie vollständig verstehen möchte, findet in Oxyoctaline Formate den logischen Gegenpol – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung am anderen Ende desselben Spektrums.

8. Stabilität

Für die akute Toxizität liegen die Werte im unbedenklichen Bereich: Die orale LD50 an der Ratte liegt bei über 5.000 mg/kg. In Hauttests am Meerschweinchen zeigte sich keine Hautreizung, und in Sensibilisierungstests am Menschen (HRIPT) sowie am Tier ergab sich kein sensibilisierendes Potenzial. Auch auf Phototoxizität und Gentoxizität (Ames-Test, In-vitro-Gentests) wurde negativ getestet.

Ökologisch ist Oxyoctaline Formate nach GHS als gewässergährdend eingestuft (Aquatic Acute 1 / Chronic 1, H410). In Deutschland entspricht das der Wassergefährdungsklasse 2. Es sollte entsprechend nicht in Abwasser, Gewässer oder Boden gelangen.

9. IFRA-Status und Regulierung

Nach Angaben unabhängiger Fachdatenbanken der Parfümerie-Branche unterliegt Oxyoctaline Formate (CAS 65405-72-3) keinen mengenmäßigen IFRA-Beschränkungen. Für eine verbindliche Auskunft empfiehlt sich in jedem Fall der Blick in die aktuelle IFRA-Standardsbibliothek.

Weitere Einordnung:

  • REACH-Registrierungsnummer: 01-2120752931-52
  • Als brennbare Flüssigkeit eingestuft (Flammpunkt 138 °C), nicht als leicht entzündlich
  • Für den Transport als UN 3082 (umweltgefährdender Stoff, flüssig) klassifiziert, Verpackungsgruppe III

Häufige Fragen zu Oxyoctaline Formate

Ist Oxyoctaline Formate ein Naturstoff?

Nein, es handelt sich um ein vollsynthetisches Molekül von Givaudan.

Warum riecht es solo eher unspektakulär?

Weil seine Funktion nicht darin besteht, für sich zu beeindrucken, sondern Übergänge zwischen anderen Materialien zu schaffen. Seine Wirkung zeigt sich erst im Zusammenspiel mit Holz- und Ambermaterialien.

Kann es echtes Olibanum (Weihrauch) ersetzen?

Es wird in der Praxis häufig eingesetzt, um einen Weihrauch-Effekt aufzubauen oder zu verstärken, auch ohne natürliches Olibanum-Material. Ein vollständiger, identischer Ersatz für die Komplexität von natürlichem Olibanum-Öl oder -Resinoid ist es nicht – dafür ist die Natursubstanz zu komplex zusammengesetzt.

Was ist der Unterschied zu Ambrofix™?

Beide gehören zu Givaudans Ambery-Familie, stehen dort aber an entgegengesetzten Enden der Linie. Ambrofix™ ist ein chemisch reines, einzelnes Enantiomer. Oxyoctaline Formate ist laut Prüfzertifikat eine Mischung aus vier Isomeren. Geruchlich äußert sich das als Kontrast zwischen dem glatten, kontrollierten Charakter von Ambrofix™ und der texturierten, trockenen Wirkung von Oxyoctaline Formate. Die beiden Materialien ergänzen sich, ersetzen sich aber nicht.

Gibt es IFRA-Einschränkungen?

Nach Angaben unabhängiger Fachdatenbanken der Branche ist Oxyoctaline Formate in keiner IFRA-Kategorie mengenmäßig beschränkt. Für eine verbindliche Auskunft lohnt sich der Blick in die aktuelle IFRA-Standardsbibliothek.

Wie löst man Oxyoctaline Formate?

Es ist praktisch wasserunlöslich, löst sich aber gut in fetten und alkoholischen Trägern. Der Log Pow-Wert von 5 zeigt eine starke Affinität zu Öl- und Wachsphasen.


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