Sandalore™ – Sandelholz und die OR2AT4-Forschung

Sandalore™ von Givaudan – Die vollständige Referenz

Sandalore™ ist mehr als ein Sandelholz-Duftstoff. Es ist eines der wenigen Riechstoffmoleküle, die es in die medizinische Fachliteratur geschafft haben – als Schlüsselsubstanz für einen Rezeptor, der in menschlichen Haarfollikeln das Haarwachstum reguliert. Diese Referenz verbindet die praktische Parfümerie-Perspektive mit dieser ungewöhnlichen wissenschaftlichen Geschichte.

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Inhalt

  1. Was ist Sandalore™?
  2. Wie riecht es?
  3. Rolle in der Formel – wo und wie man es einsetzt
  4. Herkunft – Von 1976 bis Guerlain Samsara
  5. Die Wissenschaft hinter Sandalore™ – OR2AT4
  6. Nachhaltigkeits- und Ökotoxizitätsprofil
  7. Kurzreferenz: Chemie, Sicherheit und ergänzende Toxikologie
  8. Weiterführende Fragen

1. Was ist Sandalore™?

Sandalore™ (CAS 65113-99-7, EG-Nr. 939-525-3) ist ein synthetisches Sandelholz-Molekül von Givaudan. Laut Prüfzertifikat liegt es als Isomerengemisch vor (Summe der Isomere ≥ 88 %, Methode MA-0247) – ähnlich wie viele andere komplexe Riechstoffmoleküle dieser Klasse, jedoch ohne dass die Anzahl der einzelnen Isomere im Namen selbst ausgewiesen wird, anders als etwa bei Ebanol™.

2. Wie riecht es?

Das offizielle Sensory Profile von Givaudan beschreibt Sandalore™ als "woody, warm, mild, milky". Die Herstellerbeschreibung ergänzt: ein kraftvolles, diffusives und außergewöhnlich tenaziöses Produkt mit reichem, warmem, natürlich wirkendem Sandelholzcharakter, das Volumen und Substantivität in Kompositionen einbringt. Historisch beschrieb der Parfümeur Arcadi Boix Camps das Material bereits 1985 als süß, warm, stark und holzig, mit einer Anfangswirkung auf dem Blotter, die spürbar über der von natürlichem Sandelholzöl liegt – allerdings mit kürzerer Haltbarkeit als das Naturmaterial selbst.

3. Rolle in der Formel – wo und wie man es einsetzt

Sandalore™ erfüllt in der Parfümerie vier unterscheidbare Funktionen, die sich je nach Dosierung unterschiedlich stark zeigen:

  • Signature Note – als eigenständige, klar erkennbare Sandelholz-Note, die das Rückgrat holziger und orientalischer Kompositionen bildet
  • Enhancer/Booster – verleiht Volumen, Reichtum und Substantivität und dient als Streckung für kostbares natürliches Sandelholzöl
  • Fixativ – aufgrund seiner geringen Flüchtigkeit verankert es leichtere Kopf- und Herznoten und verlängert den gesamten Duftverlauf
  • Harmonizer – seine cremig-weiche Wirkung baut Brücken zwischen holzigen Basen und floralen, fruchtigen oder ambrierten Akkorden und rundet scharfe Kanten anderer Materialien ab

Als grobe Orientierung für die Dosierung – abhängig vom gewünschten Effekt:

  • Unter 1 %: wirkt vor allem als Fixativ, verleiht dem Drydown eine dezente cremige Wärme, ohne selbst im Vordergrund zu stehen
  • 1–5 %: wird zum strukturgebenden Element mit klar erkennbarer Sandelholz-Note
  • Über 5 %: kann die Basis dominieren und eine kraftvolle, sandelholzfokussierte Wirkung erzeugen

Bewährte Kombinationspartner: Mit Zedernholz rundet Sandalore™ dessen Trockenheit ab, während es gleichzeitig die Holzigkeit verstärkt. Mit Vetiver glättet es dessen erdige Kanten. In weißen Blumen- und Jasmin-Akkorden liefert es einen samtigen Hintergrund. Es unterstützt zudem Moschus- und Vanille-Noten mit zusätzlichem Volumen. Offiziell von Givaudan bestätigt ist zudem die Kombination mit Ebanol™: Beide Materialien besetzen unterschiedliche Facetten desselben Sandelholz-Themas und ergänzen sich als gemeinsamer Aufbau eines vollständigeren Sandelholzeindrucks.

Praktischer Hinweis zur Evaluierung: Wie bei mehreren synthetischen Sandelholzmaterialien kann eine spezifische Anosmie auftreten – manche Personen nehmen das Molekül in Reinform kaum oder gar nicht wahr. Es empfiehlt sich daher, Sandalore™ grundsätzlich verdünnt (z. B. 10 % in Ethanol) statt pur zu evaluieren.

4. Herkunft – Von 1976 bis Guerlain Samsara

Sandalore™ wurde in den 1970er-Jahren von Givaudan entwickelt, mit einer Patentanmeldung im Jahr 1976. Der Markenname wurde am 6. Juni 1977 offiziell angemeldet (US-Registrierungsnummer 1097829). Der Name selbst ist ein Kunstwort: "Sandal-" verweist auf den Sanskrit-Begriff candanah, "Holz zum Verbrennen als Räucherwerk", der über das Griechische (sántalon) und Lateinische (santalum) seinen Weg in die europäischen Sprachen fand. Die Endung "-ore" erinnert an ein Mineral-Erz – ein Hinweis auf etwas Kostbares, Konzentriertes.

Ein historischer Meilenstein für das Material war Guerlain Samsara (1989): Der legendäre Duft war für seine damals unerreichte Verwendung von Sandelholznoten bekannt. Neben einem hohen Anteil an natürlichem Mysore-Sandelholzöl wurde der cremig-kraftvolle Charakter durch synthetische Materialien wie Sandalore™ zusätzlich verstärkt und stabilisiert.

5. Die Wissenschaft hinter Sandalore™ – OR2AT4

Sandalore™ ist eines der wenigen Parfüm-Rohstoffe, die den Weg in eine der renommiertesten wissenschaftlichen Fachzeitschriften der Welt gefunden haben. Eine 2018 in Nature Communications veröffentlichte Studie zeigte: Menschliche Haarfollikel exprimieren einen olfaktorischen Rezeptor namens OR2AT4 – denselben Rezeptortyp, über den Duftmoleküle normalerweise in der Nase wahrgenommen werden, hier jedoch in der äußeren Wurzelscheide des Haarfollikels.

Die gezielte Aktivierung dieses Rezeptors durch Sandalore™ verlängerte in der Studie ex vivo die Wachstumsphase (Anagen) menschlicher Haarfollikel: Die Apoptose (der programmierte Zelltod) der Haarmatrix-Keratinozyten nahm ab, während die Produktion des wachstumsfördernden Faktors IGF-1 zunahm. Der spezifische OR2AT4-Gegenspieler Phenirat sowie das gezielte Stummschalten des Rezeptors hoben diesen Effekt wieder auf – ein starker Beleg dafür, dass der Effekt tatsächlich über diesen Rezeptor vermittelt wird.

Eine weitere, 2022 veröffentlichte Studie (MDPI, Antioxidants) untersuchte OR2AT4 in menschlichen Keratinozyten der Haut und fand: Die Aktivierung durch Sandalore™ unterdrückte oxidativen-stress-bedingte Zellalterung (Seneszenz) und förderte stattdessen Zellproliferation und Autophagie über einen CaMKK-beta/AMPK/mTORC1-Signalweg.

Für die Kosmetikbranche sind das faszinierende Ansatzpunkte – unabhängig von der parfümistischen Wirkung des Materials zeigen diese Studien, dass Riechstoffmoleküle über Rezeptoren wirken können, die weit über die Nase hinausreichen.

6. Nachhaltigkeits- und Ökotoxizitätsprofil

Die zugrundeliegenden Prüfdaten aus dem Sicherheitsdatenblatt:

Test Ergebnis Methode
Toxizität gegenüber Fischen (Fettköpfige Elritze) LC50: 2,3 mg/l (96 h) OECD 203, GLP
Toxizität gegenüber Wasserflöhen EC50: 1,1 mg/l (48 h) OECD 202, GLP
Toxizität gegenüber Grünalgen EC50: 7,1–8,2 mg/l (je nach Testreihe teils > 17 mg/l) OECD 201, GLP
Biologische Abbaubarkeit (leicht) 78 % Abbau in 28 Tagen OECD 301F, GLP
Biologische Abbaubarkeit (inhärent) 75 % Abbau in 35 Tagen OECD 302C, GLP

Sandalore™ ist damit sowohl leicht als auch – in einem zweiten, strengeren Testverfahren – inhärent biologisch abbaubar: ein Molekül, das sich vergleichsweise zügig wieder abbaut, auch wenn es gegenüber Wasserorganismen als gewässergefährdend eingestuft ist. Nach deutscher Störfallverordnung fällt es zudem in die Kategorie "Umweltgefahren E2" (Mengenschwellen 200 t / 500 t) – relevant für Großbetriebe, nicht für den üblichen Laborgebrauch.

7. Kurzreferenz: Chemie, Sicherheit und ergänzende Toxikologie

Die vollständigen physikalisch-chemischen Daten sowie die grundlegenden Sicherheitshinweise (akute Toxizität, Haut- und Augenreizung, Sensibilisierung, Gentoxizität) finden Sie in der Produktkarte. Zusammengefasst: CAS 65113-99-7, C14H26O, 210,30 g/mol, Givaudan Code 8847801 – augenreizend und gewässergefährdend eingestuft (H319, H411), toxikologisch ansonsten unauffällig und leicht biologisch abbaubar.

Ergänzend aus dem Prüfprogramm, ohne Entsprechung in der Produktkarte: Die Phototoxizität wurde am Meerschweinchen negativ getestet – Sandalore™ zeigt also keine lichtbedingte Reizsteigerung auf der Haut.

Weiterführende Fragen zu Sandalore™

Wie dosiert man Sandalore™ am sinnvollsten?

Das hängt von der gewünschten Funktion ab: unter 1 % als dezentes Fixativ, 1–5 % für eine klar erkennbare Sandelholz-Note, über 5 % für eine dominante, sandelholzfokussierte Wirkung.

Kann jeder Sandalore™ riechen?

Nicht unbedingt – wie bei mehreren synthetischen Sandelholzmaterialien kann eine spezifische Anosmie auftreten. Eine Verdünnung vor der Evaluierung wird empfohlen.

Was hat Sandalore™ mit Haarwachstum zu tun?

Eine 2018 in Nature Communications veröffentlichte Studie zeigte, dass Sandalore™ den in menschlichen Haarfollikeln exprimierten Rezeptor OR2AT4 aktiviert und dadurch ex vivo die Wachstumsphase menschlicher Haare verlängert.

Ist Sandalore™ für Anwendungen mit hohem pH-Wert geeignet?

Es gilt als chemisch stabil über einen breiten pH-Bereich und funktioniert gut in alkalischen Anwendungen wie Seife sowie in leicht sauren bis neutralen Anwendungen wie Shampoo.


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