Ultrazur™ – marine Basis aus Azurone & Calone
Ultrazur™ von Givaudan – Die vollständige Referenz
Ultrazur™ vereint in einer Flasche zwei der folgenreichsten Entdeckungen der Parfümeriegeschichte des 20. Jahrhunderts – ein Molekül, das aus der Suche nach einem Beruhigungsmittel entstand, und ein anderes, das die gesamte männliche Parfümerie der 1980er-Jahre neu definierte. Diese Referenz erzählt, wie beide zusammen ein ganzes Duftgenre begründeten.
Inhalt
- Was ist Ultrazur™?
- Rolle in der Formel
- Azurone – die Molekül-Geschichte hinter Ultrazur™
- Die Calone-Geschichte – ein Zufallsfund aus der Pharmaforschung
- Dihydromyrcenol – die Molekül-Revolution von 1982
- Kurzreferenz: Chemie und Sicherheit
- Weiterführende Fragen
1. Was ist Ultrazur™?
Ultrazur™ ist eine parfümerische Spezialbase von Givaudan – keine einzelne Substanz, sondern eine fertig komponierte Mischung mehrerer Riechstoffe, die gemeinsam einen marinen, ozonischen und aldehydischen Gesamteindruck erzeugen. Im Zentrum der Mischung steht das Givaudan-Captive-Molekül Azurone, ergänzt durch Dihydromyrcenol als mengenmäßig größte Komponente sowie mehrere Aldehyde.
2. Rolle in der Formel
Ultrazur™ wird äußerst vielseitig eingesetzt – von der reinen Spurendosierung bis zur prägenden Basis:
- In Spuren: verändert bereits unmerklich den Gesamteindruck einer Formel und verleiht ihr eine luftige, transparente Frische
- Im mittleren Bereich: verleiht Wäsche- und Herrendüften einen frischen, ozonischen, leicht ambrierten Aspekt
- Als Herznote: in den meisten Anwendungen stabil, einschließlich Seifenbasen
Ultrazur™ bringt zudem Volumen und Diffusion in eine Komposition und rundet florale Akkorde ab, ohne diese zu verändern. Eine offiziell von Givaudan dokumentierte Synergie ist die Kombination 80 % Ultrazur™ mit 20 % Dupical, die eine klare, wässrig-florale Zitrusnote ergibt. In der Praxis kombiniert sich Ultrazur™ zudem gut mit frischen floralen Noten, Zitrus- und grünen Akkorden sowie mit Holz-, Moos- und würzig-frischen Materialien.
3. Azurone – die Molekül-Geschichte hinter Ultrazur™
Das Herzstück von Ultrazur™ ist ein Givaudan-eigenes Captive-Molekül namens Azurone (chemisch: 7-(3-Methylbutyl)-1,5-benzodioxepin-3-on) – dieselbe Verbindung, die im Sicherheitsdatenblatt von Ultrazur™ unter ihrer CAS-Nummer 362467-67-2 als Bestandteil in einer Konzentration von 1–3 % ausgewiesen ist. Erfunden wurde Azurone 2004 vom Riechstoffchemiker Philip Kraft, der als Gruppenleiter für die Entdeckung neuer Riechstoffe bei Givaudan tätig war und heute Vorlesungen zur Riechstoffchemie an den Universitäten Bern und Zürich sowie an der ETH Zürich hält. Der Markenname wurde am 12. Mai 2004 offiziell angemeldet.
Anders als viele andere Captives wird Azurone nicht als Einzelsubstanz verkauft, sondern ausschließlich in Form der fertigen Base Ultrazur™ zugänglich gemacht. Nach Angaben von Hervé Fretay, Global Director of Naturals and Fragrance Ingredient Marketing bei Givaudan, zeichnet sich Azurone durch eine besonders kraftvolle marine und ozonische Frische aus und zeigt sich vor allem auf Textilien außergewöhnlich substantiv. In fertigen Parfums wird es typischerweise mit nur 0,025 % bis 0,06 % eingesetzt – ein Beleg für die außergewöhnliche Wirkstärke des Moleküls.
Dokumentiert ist der Einsatz von Azurone in zwei sehr unterschiedlichen Kompositionen: zunächst in Oscar Marina Spirit (Oscar de la Renta, 2005), später im deutlich provokanteren Sécrétions Magnifiques (Etat Libre d'Orange, 2007) – einem der meistdiskutierten Nischendüfte der 2000er-Jahre, bekannt für seine bewusst grenzwertige, körperflüssigkeits-anmutende Duftkomposition.
4. Die Calone-Geschichte – ein Zufallsfund aus der Pharmaforschung
Eine der in Ultrazur™ enthaltenen Komponenten gehört zur Familie der Benzodioxepinone – jener Molekülklasse, die durch das legendäre Calone (7-Methyl-3,4-dihydro-2H-1,5-benzodioxepin-3-on) berühmt wurde. In der Riechstoffindustrie ist diese Substanz auch unter den Namen Watermelon Ketone und Oceanone bekannt – Bezeichnungen, die ihren doppelten Charakter treffend beschreiben: gleichzeitig salzig-marin und zart fruchtig-melonig. Nach Ablauf des ursprünglichen Patents wurde die Substanz unter zahlreichen weiteren Handelsnamen verfügbar, darunter Aquamore, Ozonor und Ozeone. Physikalisch liegt Calone bei Raumtemperatur als weißer kristalliner Feststoff vor (Schmelzpunkt 35–41 °C) – ein Unterschied zu den meisten flüssigen Riechstoffmolekülen.
Calone selbst wurde 1966 rein zufällig entdeckt: Chemiker bei Camilli, Albert & Laloue, einem 1830 gegründeten Grasser Riechstoffhaus, das 1963 vom Pharmakonzern Pfizer übernommen worden war, forschten eigentlich an Benzodiazepin-Beruhigungsmitteln – derselben Wirkstoffklasse, aus der später Valium hervorging. Calone war ein unerwartetes Nebenprodukt dieser Forschung und wurde zunächst patentiert, aber kaum genutzt.
Laut einem späteren Givaudan-Patent (US 9,708,570) lösten Launches wie "New West for Her" (Aramis, 1990) und "Escape" (Calvin Klein, 1991) die erste Welle der marinen Duftrichtung aus. Es folgten Meilensteine wie Issey Miyakes L'Eau d'Issey (1992) und Giorgio Armanis Acqua di Gio (1996), die das "ozonische" Duftbild endgültig zum Massenphänomen machten. Die intensive Nutzung in den 1990er-Jahren führte später zu einem Sättigungseffekt am Markt, gelegentlich als "Calone-Müdigkeit" bezeichnet – ein Grund, warum neuere Formeln wie Ultrazur™ mit Azurone eine verwandte, aber eigenständig weiterentwickelte Benzodioxepinon-Verbindung einsetzen statt des ursprünglichen Calone selbst.
5. Dihydromyrcenol – die Molekül-Revolution von 1982
Die mengenmäßig größte Komponente von Ultrazur™ (30–50 %) ist Dihydromyrcenol – ein synthetischer Terpenalkohol, der in den frühen 1970er-Jahren bei IFF entwickelt wurde. Erste Verwendung fand er 1973 in Paco Rabanne Pour Homme, dort noch mit rund 4 % dosiert. Den eigentlichen Durchbruch erzielte Dihydromyrcenol 1982, als der Parfümeur Pierre Wargnye es in einer für die damalige Zeit sensationellen Konzentration von rund 10 % in Drakkar Noir (Guy Laroche) einsetzte. Der Duft wurde zum meistverkauften Herren-Prestigeduft der Welt und prägte über Jahre hinweg das Bild einer ganzen Generation frischer, "sauberer" Herrendüfte.
1988 folgte mit Davidoff Cool Water eine weitere Ikone, die Dihydromyrcenol mit aquatischen Facetten verband – jene "reine Meerwasser"-Frische, die bis heute oft mit Dihydromyrcenol assoziiert wird, im Unterschied zur fruchtig-floralen "Wassermelonen"-Frische von Calone. Ultrazur™ verbindet über seine Rezeptur beide Traditionslinien: die textile, wäschefrische Kühle von Dihydromyrcenol und den ozonisch-marinen Charakter der Benzodioxepinon-Familie.
6. Kurzreferenz: Chemie und Sicherheit
Die vollständigen physikalisch-chemischen Daten sowie die Sicherheitshinweise (GHS-Einstufung, deklarierte Bestandteile) finden Sie in der Produktkarte. Zusammengefasst: eine parfümerische Mischung von Givaudan mit dem Sensory Profile "Citrus-like, Marine, Aldehydic", Signalwort „Gefahr" nach GHS, Hauptbestandteil Dihydromyrcenol (30–50 %).
Weiterführende Fragen zu Ultrazur™
Was ist Azurone?
Azurone (7-(3-Methylbutyl)-1,5-benzodioxepin-3-on) ist ein 2004 vom Riechstoffchemiker Philip Kraft erfundenes Captive-Molekül von Givaudan. Es wird nicht einzeln verkauft, sondern ist nur als Bestandteil der fertigen Base Ultrazur™ zugänglich, wo es laut Sicherheitsdatenblatt mit 1–3 % enthalten ist.
Was ist der Unterschied zwischen Calone und Dihydromyrcenol?
Calone – auch bekannt als Watermelon Ketone oder Oceanone – erzeugt einen fruchtig-floralen, an Wassermelone erinnernden aquatischen Effekt. Dihydromyrcenol liefert dagegen eine klarere, "reine Meerwasser"-Frische, wie sie etwa in Davidoff Cool Water dominiert. Ultrazur™ enthält Dihydromyrcenol als Hauptbestandteil sowie mit Azurone eine strukturell verwandte, aber eigenständige Weiterentwicklung der Calone-Familie.
In welchen Parfums wurde Azurone bereits verwendet?
Dokumentiert sind zwei sehr unterschiedliche Beispiele: Oscar Marina Spirit (Oscar de la Renta, 2005) und das provokante Nischenparfum Sécrétions Magnifiques (Etat Libre d'Orange, 2007), jeweils in einer Dosierung von 0,025 % bis 0,06 %.
Womit lässt sich Ultrazur™ besonders gut kombinieren?
Offiziell dokumentiert ist die Kombination 80 % Ultrazur™ mit 20 % Dupical für eine klare, wässrig-florale Zitrusnote. Auch frische florale Noten, Zitrus- und grüne Akkorde sowie Holz- und Moosnoten harmonieren gut.