Glucam™ P-20 – Fixateur, Feuchthaltemittel, Lösungsvermittler

Glucam™ P-20 von Lubrizol – Die vollständige Referenz

Glucam™ P-20 ist geruchlos, und darin liegt sein Zweck. Es verändert eine Komposition nicht – es verändert deren Verdunstung: Es bremst die Kopfnoten, nimmt dem Alkohol die Schärfe und hält Duftstoffe dort in Lösung, wo sonst nichts mehr geht.

Diese Referenz erklärt, was ein Fixateur überhaupt ist, warum ein Lösungsmittel keiner ist, und was ein Patent von 1979 dazu bereits wusste.

Inhalt

  1. Was ist Glucam™ P-20?
  2. Ein Lösungsmittel ist kein Fixateur
  3. Wie ein physikalischer Fixateur arbeitet
  4. Das Patent von 1979
  5. Was die Tests ergaben – und was sie wert sind
  6. Weniger Duftöl für dieselbe Wirkung
  7. Die Alkoholschärfe
  8. Dosierung
  9. Die weiteren Funktionen
  10. Das Molekül: ein Zucker mit vier Armen
  11. Die Familie Glucam
  12. Naturanteil: die Zahl hinter „pflanzlich“
  13. Die Mikroplastik-Verordnung
  14. Kurzreferenz: Daten und Sicherheit
  15. Weiterführende Fragen

1. Was ist Glucam™ P-20?

Glucam™ P-20 (INCI: PPG-20 Methyl Glucose Ether, CAS 61849-72-7) ist ein propoxylierter Methylglucose-Ether: ein Zuckergerüst aus Maisstärke, auf das Polypropylenglykol-Ketten aufgebaut wurden. Das Material ist zu 100 % aktiv, hell, deutlich viskos und praktisch geruchlos.

Seine ungewöhnlichste Eigenschaft steht in den Herstellerunterlagen an erster Stelle: Es ist mit Wasser, Alkoholen, organischen Estern und Ölen gleichermaßen mischbar. Unter flüssigen Trägerstoffen ist diese Kombination selten – die meisten sind entweder wasser- oder ölseitig zu Hause, nicht beides.

In der europäischen Datenbank COSING (Ref. 79948) sind vier Funktionen eingetragen: Emollient, Hair Conditioning, Humectant, Skin Conditioning. Die parfümerisch interessanteste – die Fixierung – steht dort nicht, weil COSING kosmetische und nicht parfümerische Funktionen führt.

2. Ein Lösungsmittel ist kein Fixateur

Das ist der häufigste Irrtum zum Thema, und er kostet Anfänger viel Zeit.

Wer feststellt, dass seine Kopfnote nach zehn Minuten verschwunden ist, greift meist zu DPG, Benzylbenzoat oder Isopropylmyristat – schwerflüchtige Flüssigkeiten, von denen es heißt, sie würden „fixieren“. Der Effekt bleibt aus, und niemand erklärt, warum.

Das Patent, das dieser Materialklasse zugrunde liegt, sagt es in einem Satz. Über Ethylphthalat und Benzylbenzoat heißt es dort, sie täten wenig, um den Duft zu verstärken und zu verlängern – nützlich seien sie als Lösungsmittel geringer Flüchtigkeit für ein breites Spektrum an Duftstoffen.

Der Unterschied:

  • Ein Lösungsmittel streckt und trägt eine Formel. Es verdünnt, es macht dosierbar, es transportiert. Am Verdunstungsverhalten der leichten Bestandteile ändert es wenig.
  • Ein Fixateur greift in genau dieses Verdunstungsverhalten ein.

Beides ist nützlich, beides gehört in eine Formel – aber sie ersetzen einander nicht.

Und die zweite Verwechslung

Auch das Wort „Fixateur“ meint zwei verschiedene Dinge:

Olfaktorische Fixateure riechen selbst. Ambra-, Moschus- und balsamische Materialien, Absolues, Resinoide, klassisch auch tierische Sekrete. Sie fixieren, indem sie den Boden füllen, auf den die Komposition beim Verdunsten absinkt. Sie funktionieren – aber sie bringen ihren eigenen Geruch mit.

Physikalische Fixateure riechen nicht. Sie verschieben die Verdunstung, ohne den Charakter anzutasten. Genau das war der Anspruch, mit dem Glucam™ P-20 seinerzeit patentiert wurde: Bekannte Fixateure könnten die Natur oder den Charakter des fixierten Duftes verzerren, und dieses Problem werde durch im Wesentlichen geruchlose Methylglucosid-Polyole gelöst – die Haltbarkeit steige ohne Verzerrung.

3. Wie ein physikalischer Fixateur arbeitet

Die branchenübliche Definition: Ein Fixateur dient dazu, Dampfdrücke und Flüchtigkeiten der Rohstoffe in einer Parfümölkomposition anzugleichen und die Geruchshaftung zu erhöhen.

Der Mechanismus dahinter: Wie schnell ein Bestandteil aus einer Mischung entweicht, hängt nicht allein von seinem eigenen Dampfdruck ab, sondern auch davon, worin er gelöst ist. Ein sehr hoch siedender, nicht flüchtiger Bestandteil hebt den Siedepunkt der gesamten Komposition an und hält die leichten Moleküle länger zurück.

Wie groß der Abstand ist, zeigen zwei Zahlen. Glucam™ P-20 siedet oberhalb von 316 °C; die Zitrusterpene, um die es beim Kopfnotenproblem geht, sieden im Bereich um 175 °C. Dazwischen liegt eine Größenordnung an Flüchtigkeit.

Das Problem, das damit adressiert wird, kennt jeder, der selbst formuliert: Die Komposition öffnet gut, und nach zehn Minuten klafft eine Lücke, bis das Herz übernimmt. Der Verlauf reißt ab, statt zu tragen.

4. Das Patent von 1979

Die Verwendung alkoxylierter Methylglucoside als Duftfixateur ist dokumentiert – und zwar ungewöhnlich gründlich für ein Material, über das heute kaum jemand schreibt.

US 4.264.478 „Polyol fragrance fixatives“, eingereicht am 26. Dezember 1979 als Fortsetzung einer Anmeldung vom 30. Oktober 1978, erteilt am 28. April 1981. Dazu die Teilanmeldung US 4.324.703 auf die Zusammensetzung, erteilt 1982.

Im Text wird das Material beim Namen genannt: Methylglucosid-Polyole seien im Handel erhältlich bei der Amerchol Corporation, Talmadge Road, Edison, New Jersey, unter der Marke GLUCAM. E-10 und E-20 seien die 10- und 20-Mol-Ethoxylate, P-10 und P-20 die entsprechenden Propoxylate.

Das Patent nennt drei Vorzüge, die es von bekannten Fixateuren abgrenzen:

  1. Kein Eigengeruch, also keine Verzerrung des Duftes
  2. Löslich in Wasser, Alkohol und wasser-alkoholischen Systemen – während die meisten Fixateure des damaligen Standes der Technik in Wasser unlöslich waren
  3. Geringerer Duftstoffbedarf für denselben Eindruck

Interessant ist auch die Anwendungsbreite, die schon damals beansprucht wurde: Parfüm, Cologne, After-Bath-Splash, Aftershave, parfümierte Puder, Seifen, Cremes, Lotionen – und, kurios genug, parfümiertes p-Dichlorbenzol, also Duftblöcke.

5. Was die Tests ergaben – und was sie wert sind

Das Patent enthält Panelvergleiche über neun Produkttypen. Jeweils zwei identische Ansätze, einer mit und einer ohne Zusatz.

Produkt Zusatz auf der Haut auf dem Blotter
Parfüm 2,5 % P-20 97 % 94 %
Eau de Toilette P-20 95 % 89 %
Cologne P-20 93 % 86 %
After-Bath-Splash P-20 93 % 90 %
Aftershave E-10 89 % 84 %
Puder P-10 86 %
Handcreme E-20 82 %
Seifenstück P-20 94 % (Intensität)
Duftblöcke P-20 87 % (Intensität)

Die Prozentwerte geben an, wie viele Teilnehmer beim Ansatz mit Zusatz die längere Haftung feststellten. Beim Parfüm lief die Beobachtung über ein bis sechsundneunzig Stunden.

Wie belastbar ist das?

Wir halten es für richtig, das offen zu sagen: Es handelt sich um eigene Panels des Anmelders aus der Zeit der Anmeldung, also 1978/79. Die Teilnehmerzahl wird an keiner Stelle genannt, die Methodik in je einem Satz beschrieben. Nach heutigen Maßstäben ist das keine Studie, sondern eine Anwendungsprüfung im Rahmen einer Patentanmeldung.

In einem der Beispiele enthält der Patenttext zudem einen offensichtlichen Rechenfehler: „43 % hielten B für stärker, die übrigen 75 % hielten beide für gleich“ – zusammen 118 %.

Die Zahlen zeigen also eine Richtung, sie messen sie nicht. Es bleibt trotzdem die belastbarste Quelle, die es zu diesem Material öffentlich gibt – alles, was heute auf Händlerseiten zu Dosierungen steht, geht letztlich hierauf zurück.

6. Weniger Duftöl für dieselbe Wirkung

Ein Nebenbefund, der kaum irgendwo auftaucht und beim Formulieren praktisch nützlich ist.

Das Patent formuliert es so: Produkte mit Methylglucosid-Polyolen benötigen keine so hohe Konzentration an Riechstoffen wie vergleichbare Produkte ohne sie.

Belegt wird das an drei Ansätzen mit reduziertem Ölgehalt:

  • Parfüm: 71,5 % der Teilnehmer bewerteten die reduzierte Fassung mit P-20 als gleichwertig oder besser
  • Cologne: 85,7 % als gleichwertig oder besser
  • Splash: die Mehrheit sah keinen Unterschied

Praktisch gelesen heißt das: Wenn eine Komposition zu dicht wirkt, lässt sich der Konzentratanteil senken und die wahrgenommene Stärke über den Fixateur zurückholen. Die Formel wird transparenter, ohne leiser zu werden.

7. Die Alkoholschärfe

Hier sind zwei Effekte zu unterscheiden, die oft in einen Topf geworfen werden.

Schärfe in der Nase

Das sauberste Experiment des gesamten Patents. Denaturierter Alkohol wurde mit steigenden Anteilen P-20 versetzt; die Teilnehmer rochen aus Flaschen mit 12 und 25 mm Öffnung und beurteilten die Lösungsmittelschärfe.

Anteil P-20 Anteil der Teilnehmer, die die behandelte Probe vorzogen
0,5 % 67 %
1,0 % 83 %
2,0 % 100 %

Das ist der einzige Punkt, an dem eine Dosis-Wirkungs-Beziehung sichtbar wird – bei 2 % war der Effekt für alle Teilnehmer eindeutig.

Brennen auf der Haut

Ein anderer Effekt, belegt durch eine andere Quelle: Der Hersteller gibt heute an, dass Glucam™ P-20 in alkoholischen Systemen das Brennen reduziert, das Alkohol auf der Haut verursacht.

Ein Eau de Parfum besteht zu 70–85 % aus Ethanol. Auf frisch rasierter Haut oder im Winter ist das spürbar. Ein hygroskopischer Polyether hält Feuchtigkeit in der Hornschicht und mildert den Effekt.

8. Dosierung

Die Angaben des Patents beziehen sich auf den alkoholischen, wässrigen oder wasser-alkoholischen Anteil der Komposition – nicht auf die Gesamtformel. Bei einem Eau de Parfum ist der Unterschied klein, bei öligen Systemen erheblich.

Ziel Anteil
Duftfixierung, Gesamtrahmen 0,5–5 %
Bevorzugter Bereich 1,0–2,5 %
Hautgefühl und Einreibbarkeit 2–15 %

Zum oberen Bereich macht das Patent eine eigene Bemerkung: Dort ersetzt das Material andere Polyole des Systems – Glycerin, Sorbit oder Propylenglykol – und leistet dabei zugleich die Fixierung, die diese traditionellen Polyole nicht bringen.

Das ist ein eigener Anwendungsfall: Glycerin wird in alkoholischen Duftwassern gern „fürs Gefühl“ zugegeben und klebt. Hier bekommt man dasselbe Gefühl ohne Klebrigkeit – und die Haftung obendrein.

Wie man den Effekt ehrlich prüft

Zwei identische Ansätze anlegen, in einem 1,5 %, im anderen nichts. Nach zwanzig Minuten und nach zwei Stunden vergleichen. Der Unterschied zeigt sich genau am Übergang von der Kopf- zur Herznote – nicht in der ersten Minute.

9. Die weiteren Funktionen

Fixierung ist die parfümerische Rolle. Verkauft wird das Material aber primär für andere Zwecke.

Feuchthaltemittel

Die namensgebende Funktion – humectant steht im Produktnamen. Das Zuckergerüst bindet Wasser. Der Hersteller beschreibt das Ergebnis als Feuchthaltung mit einem gleitenden, emollienten Gefühl.

Der Unterschied zu Glycerin liegt genau dort: Glycerin bindet Wasser ebenfalls, klebt aber und kann bei niedriger Luftfeuchte Feuchtigkeit aus der Haut ziehen. Ein verzweigter Polyether klebt nicht.

Emollient und Gleitmittel

Glättet und macht geschmeidig – ohne den fettigen Film öliger Emollienzien, weil das Material wasserlöslich ist.

Haarpflege

In Shampoos, Spülungen und Stylingprodukten: hält Feuchtigkeit im Haar, erleichtert die Kämmbarkeit. Ein Hauptanwendungsgebiet des Materials.

Lösungsvermittler

Die für die Parfümerie zweitwichtigste Rolle. PPG-Methylglucose-Ether werden unter den Kupplungsmitteln geführt – Materialien, die Emulsionen stabilisieren und als Klärmittel wirken.

Der Unterschied der Begriffe: Lösungsvermittler und Kupplungsmittel tun im Kern dasselbe, wobei als „Kupplungsmittel“ üblicherweise Materialien bezeichnet werden, die eine echte Lösung ergeben statt einer mizellaren Trübung.

Praktisch bedeutet das: wasser-alkoholische Systeme mit reduziertem Alkoholanteil und alkoholfreie Duftwasser werden überhaupt erst formulierbar.

Seife

Hält das Stück feucht und glatt, verhindert Rissbildung, erleichtert das Aufbringen. Einsetzbar über einen pH-Bereich von 3 bis 10. Dazu der Befund aus dem Patent: 94 % der Teilnehmer empfanden die Beduftung im behandelten Seifenstück als intensiver.

Der Verwandte: Glucam™ P-20 Distearat

Dasselbe Gerüst, an den Enden mit Stearinsäure verestert. Damit kein Feuchthaltemittel mehr, sondern ein Emollient – und mit einem Naturanteil von 36,9 % statt 12 %, weil die pflanzlichen Stearinreste zusätzlichen natürlichen Kohlenstoff mitbringen. Ein gutes Beispiel dafür, wie stark ein und dasselbe Gerüst über die Endgruppen gesteuert wird.

10. Das Molekül: ein Zucker mit vier Armen

Methylglucosid ist das einfachste Derivat der Glucose: ein Glucosemolekül, dessen anomere Hydroxylgruppe durch eine Methoxygruppe ersetzt ist. Gewonnen wird es nach Fischer, indem Stärke oder Glucose mit Methanol unter saurer Katalyse erhitzt wird. Ausgangsstoff ist Maisstärke.

Das Patent beschreibt das Ergebnis präzise: Es entsteht ein Gemisch aus alpha- und beta-Methylglucosid im Verhältnis von etwa 2:1; das Molekül liegt in der Pyranosidform vor und ist ein cyclisches, „inneres“ Vollacetal.

Am Ring bleiben vier freie Hydroxylgruppen. Sie sind die Wachstumspunkte. Und sie sind nicht gleichwertig: Bevorzugt reagiert die primäre Hydroxylgruppe am C6, danach die Gruppe neben der Methoxygruppe am C2.

Darauf wird Propylenoxid aufgebaut – zwanzig Einheiten insgesamt, verteilt auf die vier Arme, also rund fünf je Arm. In der CAS-Nomenklatur ist dieses Verhältnis als (4:1) festgehalten.

Die Reaktion selbst läuft mit alkalischem Katalysator, typischerweise Kaliumhydroxid, bei 140–160 °C. Da Propylenoxid unterhalb dieser Temperatur siedet, arbeitet man im geschlossenen Kessel unter Druck; anschließend wird der Katalysator mit Säure neutralisiert.

Aus dieser Bauform folgt alles Weitere:

  • Das Zuckerzentrum zieht Wasser an – daher die Hygroskopie
  • Die Polypropylen-Arme bringen Affinität zu Ölen und Alkoholen
  • Zusammen ergibt das die ungewöhnliche Mischbarkeit nach beiden Seiten
  • Die Verzweigung erklärt, warum das Material viskos, aber nicht klebrig ist: Es zieht keine Fäden

11. Die Familie Glucam

Die Methylglucosid-Chemie für die Kosmetik stammt nicht von Lubrizol, sondern von Amerchol – einem amerikanischen Haus, das historisch auch für Lanolinderivate stand.

2003 übernahm Lubrizol von Amerchol, damals eine Tochter von Dow Chemical, einen ausgewählten Teil des Geschäfts mit Inhaltsstoffen für die Körperpflege – Jahresumsatz rund 30 Millionen US-Dollar. Enthalten waren Methylglucosid-Derivate, Lanolinderivate und die Promulgen-Emulgatoren. 2005 wurde der Bereich in die Einheit Noveon Personal Care überführt.

Damit liegt bis heute eine ganze Familie unter einem Dach, die auf demselben Zuckerkern aufbaut:

Linie Funktion
Glucam Feuchthaltemittel und Trägerstoffe
Glucamate Verdicker
Glucate Emulgatoren
Glucquat Konditioniermittel

Ein Grundbaustein, vier Stoffklassen – der Unterschied liegt allein darin, was man an die vier Hydroxylgruppen hängt.

E gegen P

Innerhalb der Glucam-Linie gibt es zwei Reihen, je nachdem, welches Epoxid verwendet wurde.

Glucam E Glucam P
Epoxid Ethylenoxid Propylenoxid
INCI Methyl Gluceth-10/-20 PPG-10/-20 Methyl Glucose Ether
Charakter hydrophiler lipophiler
Hautgefühl leicht, satiniert gleitend, emollient
Mischbarkeit mit Ölen begrenzt gut

Die Zahl gibt die Zahl der Epoxid-Einheiten an. Für die Parfümerie ist die P-Reihe die relevante: Die seitliche Methylgruppe des Propylenoxids ist genau das, was Verträglichkeit mit Alkohol und mit Duftestern schafft.

12. Naturanteil: die Zahl hinter „pflanzlich“

Der Hersteller bezeichnet das Material als naturally derived. Das ist formal richtig – der Kern kommt aus Maisstärke.

Dieselbe Firma veröffentlicht aber auch die Bewertung nach ISO 16128, und die lautet für Glucam™ P-20:

  • RCI (Renewable Carbon Index): 0,09
  • NOC (Natural Origin Content): 12,0 %

Nach derselben Norm gilt als „natürlich“ ein RCI von 1,00, als „naturabgeleitet“ ein RCI über 0,50. Glucam™ P-20 fällt in keine der beiden Kategorien.

Die Ursache ist reine Arithmetik: Das Methylglucosid bringt sieben Kohlenstoffatome mit, die zwanzig Propylenoxid-Einheiten sechzig. Der Zuckerkern ist weniger als ein Zehntel des Kohlenstoffgerüsts.

Im Vergleich innerhalb derselben Herstellertabelle:

Material RCI NOC
Glucam P-10 0,16 21,1 %
Glucam P-20 0,09 12,0 %
Glucam E-20 0,13 15,2 %
Glucam P-20 Distearat 0,41 36,9 %
Glucate DO (Emulgator) 0,98 95,7 %

Die Regel ist ablesbar: Je länger die Polyether-Arme, desto niedriger der Naturanteil. P-10 ist doppelt so „natürlich“ wie P-20, schlicht weil die Arme kürzer sind.

Wir nennen die Zahl, weil „pflanzlich abgeleitet“ ohne sie missverständlich wäre. Wer INCI-Listen liest, weiß ohnehin, dass PPG-20 für zwanzig Propylenoxid-Einheiten steht.

13. Die Mikroplastik-Verordnung

Seit die Verordnung (EU) 2023/2055 am 17. Oktober 2023 in Kraft getreten ist, löst das Wort „Polymer“ in einer INCI-Liste regelmäßig Rückfragen aus. Deshalb hier die Einordnung.

Die Verordnung definiert Mikropartikel als Partikel, die festes Polymer enthalten, wobei mindestens 1 Gewichtsprozent der Partikel entweder in allen Dimensionen höchstens 5 mm misst oder höchstens 15 mm lang ist bei einem Längen-Durchmesser-Verhältnis über 3.

Ausdrücklich nicht erfasst sind:

  • natürlich vorkommende, chemisch unveränderte Polymere
  • Polymere mit einer Löslichkeit über 2 g/l
  • (bio)abbaubare Polymere
  • nicht kohlenstoffbasierte Polymere

Der Hersteller hat dazu eine eigene Erklärung veröffentlicht, in der seine Flüssigpolymere aufgeführt sind, die nicht in den Anwendungsbereich fallen – Glucam™ P-20 steht auf dieser Liste.

Die Begründung ist geradlinig: Die Beschränkung zielt auf feste Mikropartikel mit definierten physikalischen Grenzen. Glucam™ P-20 wird flüssig geliefert und bleibt in Formulierungen flüssig – es gibt keine Partikel. Hinzu kommt die Wasserlöslichkeit, die für sich genommen bereits aus der Definition herausführt.

14. Kurzreferenz: Daten und Sicherheit

Hersteller Lubrizol Advanced Materials
INCI PPG-20 Methyl Glucose Ether
CAS-Nr. 61849-72-7
COSING-Ref. 79948
Aktivgehalt 100 %
Aussehen Flüssig, gelb
Geruch Sehr schwach
pH-Wert (100 %) 5–8
Relative Dichte (20 °C) 1,1
Siedepunkt > 316 °C
Flammpunkt 263 °C (Cleveland, offener Tiegel)
Zersetzungstemperatur 300 °C
Wasserlöslichkeit Löslich
Naturanteil (ISO 16128) 12 % (RCI 0,09)
CLP-Einstufung Nicht eingestuft
Transport Nicht als Gefahrgut geregelt

Sicherheit. Nach GHS/CLP ist das Material nicht als gefährlich eingestuft – kein Piktogramm, kein Signalwort, keine H-Sätze.

Das Cosmetic Ingredient Review hat 2016 eine abschließende Bewertung für 25 Methylglucose-Polyether und -Ester vorgelegt, PPG-20 Methyl Glucose Ether eingeschlossen, und kommt zu dem Schluss, dass diese bei den derzeitigen Anwendungen und Konzentrationen sicher sind. Sie seien weder genotoxisch noch reproduktions- oder entwicklungstoxisch; wegen ihrer hohen Wasserlöslichkeit würden sie nur langsam über die Haut aufgenommen, erreichten niedrige Blutkonzentrationen und würden rasch renal ausgeschieden. Als Einsatzkonzentration in der Kosmetik werden dort bis zu 15 % berichtet.

Ein Punkt, an dem sich Quellen unterscheiden. Das Sicherheitsdatenblatt beurteilt die Augenreizung im Analogieschluss als „nicht reizend“. Die CIR-Bewertung führt dagegen einen Draize-Test am Material selbst in 100-prozentiger Form auf, dort eingestuft als milder, vorübergehender Reizstoff. Der Unterschied ist gering, betrifft aber genau die Form, in der das Material geliefert wird: unverdünnt. Beim Umgang mit dem Konzentrat gehört Augenschutz dazu.

Umwelt. Ökotoxikologisch unauffällig – LC50 Fisch und EC50 Daphnia jeweils über 10.000 mg/l. Schnell abbaubar ist das Material nicht (34 % in 20 Tagen).

Reinheit. Keine Antioxidantien, keine Konservierungsmittel zugesetzt. Keines der 26 deklarationspflichtigen Duftstoff-Allergene zu erwarten. Kein VOC-Gehalt.

Lagerung. Die einzige ausdrücklich genannte zu vermeidende Bedingung ist Frost. Unverträglich mit starken Oxidationsmitteln.

Weiterführende Fragen

Warum verfliegt meine Kopfnote nach zehn Minuten?

Weil Zitrus- und Aldehydnoten einen um Größenordnungen höheren Dampfdruck haben als der Rest der Formel. Sie verdunsten zuerst, und zwischen ihnen und dem Herzen entsteht eine Lücke. Ein physikalischer Fixateur senkt die Flüchtigkeit der leichten Bestandteile und zieht den Verlauf gerade.

Ich habe DPG zugegeben, es hat nichts gebracht. Warum?

Weil DPG ein Lösungsmittel ist und kein Fixateur. Es verdünnt und trägt, es macht dosierbar – aber es greift kaum in die Verdunstung der leichten Bestandteile ein. Dasselbe gilt für Benzylbenzoat und Isopropylmyristat. Bereits das Patent von 1979 stellt genau das fest.

Riecht Glucam™ P-20?

Praktisch nicht. Das Sicherheitsdatenblatt nennt einen sehr schwachen Eigengeruch; bei 1–2 % ist im fertigen Parfüm nichts davon wahrnehmbar. Genau darauf beruht seine Brauchbarkeit – ein Fixateur, der selbst riecht, verschiebt den Charakter der Komposition.

Wie hoch dosiert man?

Bevorzugt 1,0–2,5 %, bezogen auf den alkoholischen beziehungsweise wässrigen Anteil. Der Gesamtrahmen liegt bei 0,5–5 %. Für Hautgefühl und Einreibbarkeit sind 2–15 % möglich – in diesem Bereich ersetzt das Material Glycerin oder Propylenglykol.

Kann ich damit Glycerin ersetzen?

In alkoholischen und wasser-alkoholischen Duftprodukten ja. Das Patent nennt Glycerin, Sorbit und Propylenglykol ausdrücklich als die Polyole, die ersetzt werden können – mit dem Zusatz, dass die Fixierung dabei mitgeliefert wird, die diese Polyole nicht bieten. In Cremes ist die Sache anders gelagert, dort erfüllt Glycerin weitere Aufgaben.

Funktioniert es auch in öligen Parfüms?

Das Material ist mit Ölen mischbar, die dokumentierten Dosierungen beziehen sich jedoch auf den alkoholischen oder wässrigen Anteil einer Formel. Für rein ölige Systeme gibt es keine belastbaren Angaben – hier hilft nur der eigene Vergleichsansatz.

Ist das ein Naturprodukt?

Nein. Der Kern stammt aus Maisstärke, der überwiegende Teil des Moleküls aus der Propoxylierung. Nach ISO 16128 beträgt der Naturanteil 12 %.

Fällt es unter die EU-Mikroplastik-Verordnung?

Nach Herstellerangabe nicht. Die Verordnung (EU) 2023/2055 erfasst feste synthetische Polymer-Mikropartikel; Glucam™ P-20 wird flüssig geliefert und bleibt flüssig. Zudem ist es wasserlöslich, was für sich genommen bereits aus dem Anwendungsbereich führt.

Was ist der Unterschied zu Glucam™ E-20?

E-20 ist ethoxyliert statt propoxyliert und damit hydrophiler – gut in wässrigen Systemen, schwächer in alkoholisch-öligen. Für die Parfümerie ist die P-Reihe die passende.

Muss das Material konserviert werden?

Dem Rohstoff sind keine Konservierungsmittel zugesetzt, die Gesamtkeimzahl liegt unter 10 pro Gramm. In wasserhaltigen Endformulierungen bleibt ein Konservierungssystem wie üblich Sache der Rezeptur.


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