Globalide® – Der Moschus, der nie in der Natur vorkam

Globalide® – Der Moschus, der nie in der Natur vorkam

Exaltolide, Muscon, Civeton – die frühen makrozyklischen Moschusstoffe stammten alle aus der Natur, isoliert aus Angelikawurzel, Moschusdrüse oder Zibetkatze. Globalide® ist anders: Laut Herstellerangaben kommt es in der Natur nicht vor. Ein reines Laborprodukt also – mit einer Markenanmeldung aus dem Jahr 1996, zwei widersprüchlichen Messwerten in Hersteller- und Fachliteratur, und einem Patent, das nicht das ist, wonach es zunächst aussieht.

Inhalt

  1. Ein Molekül ohne Vorbild in der Natur
  2. Eine Marke aus dem Jahr 1996
  3. Zwei Quellen, zwei Werte
  4. Ein Patent von 2014 – aber nicht für die Erfindung
  5. Was die unabhängige Sicherheitsbewertung zeigt
  6. Verwandtschaft mit Habanolide
  7. Häufige Fragen

1. Ein Molekül ohne Vorbild in der Natur

Die Symrise-Produktangaben zu Globalide vermerken ausdrücklich: „does not occur in nature" – das Molekül hat kein natürliches Vorbild, anders als die Moschusklassiker der ersten Generation. Chemisch handelt es sich um ein Oxacyclohexadecen-2-on (CAS 34902-57-3 und 111879-80-2, Summenformel C15H26O2), hergestellt als Isomerengemisch mit mindestens 90 % GC-Reinheit.

Der Markenname geht auf Haarmann & Reimer zurück, eines der beiden Gründungshäuser des heutigen Symrise-Konzerns. Haarmann & Reimer wurde 1874 in Holzminden gegründet und war Pionier der synthetischen Vanillin-Herstellung; Dragoco, das zweite Gründungshaus, entstand 1919 durch Carl-Wilhelm Gerberding und August Bellmer. Beide Unternehmen fusionierten 2003 zur Symrise-Gruppe, die damit zum viertgrößten Unternehmen der globalen Duft- und Aromenbranche wurde. Die Marke Globalide® stammt noch aus der Zeit vor dieser Fusion – angemeldet von Haarmann & Reimer, heute im Besitz von Symrise AG.

2. Eine Marke aus dem Jahr 1996

Im US-Markenregister lässt sich die Historie konkret nachvollziehen: Die Wortmarke GLOBALIDE wurde am 23. August 1996 unter der Seriennummer 75155043 von Haarmann & Reimer GmbH angemeldet und am 29. Dezember 1998 unter der Registrierungsnummer 2215051 eingetragen, für „chemical preparations, namely, artificial scented substances for use in all perfumery applications". Eigentümerin ist heute die Symrise AG; laut Registerauszug wurde die Marke zuletzt am 12. Oktober 2018 verlängert.

Damit liegt zwischen Anmeldung (1996) und der Fusion zu Symrise (2003) rund ein Jahrzehnt – Globalide ist also älter als der Konzernname, unter dem es heute vertrieben wird. Ein genaues Entdeckungs- oder Entwicklungsdatum des Moleküls selbst nennt keine der eingesehenen Quellen; die Markenanmeldung 1996 ist das einzige konkret dokumentierte Datum.

3. Zwei Quellen, zwei Werte

Wer Globalide-Kennzahlen aus zwei Quellen vergleicht, stößt auf spürbare Abweichungen. Die Symrise-eigenen Produktangaben nennen einen Verteilungskoeffizienten log P (Kow) von 4,88 und einen Siedepunkt von 366 °C. Die unabhängige Sicherheitsbewertung des Research Institute for Fragrance Materials (RIFM) – veröffentlicht in Food and Chemical Toxicology, Band 164, Artikel 113088, 2022 (Erstautorin A. M. Api, DOI 10.1016/j.fct.2022.113088) – kommt dagegen auf einen deutlich höheren Wert: log P >6,2 (experimentell gemessen) beziehungsweise 6,15 (rechnerisch, EPI-Suite-Modell), sowie einen niedrigeren Siedepunkt von 333 °C bei 1013 hPa.

Die Differenz beim Verteilungskoeffizienten beträgt gut 1,3 Log-Einheiten, beim Siedepunkt rund 33 °C. Eine Erklärung, die über unterschiedliche Messmethoden oder Modellannahmen hinausgeht, ließ sich in den eingesehenen Quellen nicht finden. Auffällig ist die Parallele zu Habanolide, wo genau dieselbe Kombination – Herstellerangabe versus unabhängige Messung, mit ähnlicher Größenordnung der Abweichung – bereits dokumentiert ist.

4. Ein Patent von 2014 – aber nicht für die Erfindung

Ein Stoffpatent, das konkret die Erfindung von Oxacyclohexadecen-2-on (CAS 34902-57-3) abdecken würde, war in dieser Recherche nicht auffindbar. Was sich dagegen findet, ist ein deutlich jüngeres Patent: WO2016005361A1 (Symrise AG), angemeldet am 7. Juli 2015 mit Prioritätsdatum 7. Juli 2014, veröffentlicht am 14. Januar 2016, unter dem Titel „Isomer mixtures of unsaturated macrocyclic musk compounds".

Dieses Patent schützt nicht das Molekül an sich, sondern spezifische Isomerengemische mit definiertem Mischungsverhältnis (E-Isomer zu Z-Isomer von 10:90 bis 65:30, bevorzugt 60:40) für insgesamt vier verwandte makrozyklische Moschusstoffe: Globanone/Aurelione (CAS 3100-36-5 / 88642-03-9), Globalide/Habanolide (CAS 34902-57-3 / 111879-80-2), Ambrettolide (CAS 28645-51-4) und Velvione (CAS 37609-25-9) – zur gezielten Maskierung unangenehmer Gerüche und Verstärkung angenehmer Dufteindrücke in parfümierten Produkten.

Das Patent liegt damit fast zwei Jahrzehnte nach der Markenanmeldung von 1996 und schützt eine spezifische Rezeptur-Anwendung, nicht die ursprüngliche Erfindung des Moleküls. Für Globalide deutet das darauf hin, dass der eigentliche Rohstoff in erster Linie über Marke und Herstellungs-Know-how geschützt ist – anders als Habanolide, dessen Verwendung als Riechstoff Firmenich 1989 mit EP 0 424 787 patentieren ließ.

5. Was die unabhängige Sicherheitsbewertung zeigt

Die bereits erwähnte RIFM-Bewertung (Food and Chemical Toxicology, Band 164, 2022) liefert ein detailliertes Bild. Bei wiederholter Exposition wurde ein NOAEL von 1000 mg/kg/Tag ermittelt (Margin of Exposure: 35.714), ebenso für Entwicklungs- und Fertilitätstoxizität (jeweils NOAEL 1000 mg/kg/Tag). Für Hautsensibilisierung ergibt sich ein NESIL (No Expected Sensitization Induction Level) von 7500 μg/cm² bei schwacher Sensibilisierungspotenz im Tiermodell. Gentoxizitätstests (Ames-Test und Chromosomenaberrationstest) fielen negativ aus. Die Cramer-Klassifizierung stuft das Material in Klasse I ein (geringes toxikologisches Potenzial).

Ökotoxikologisch zeigt sich folgendes Bild: akute Toxizität für Regenbogenforelle LC50 = 2,0 mg/L (96 h), für Daphnia magna EC50 = 0,48 mg/L (48 h akut) beziehungsweise NOEC = 0,039 mg/L (21 Tage chronisch), für Pimephales promelas NOEC = 0,027 mg/L (33 Tage, Frühlebensstadium), für Algen (Scenedesmus subspicatus) NOEC = 0,625 mg/L (72 h). Die daraus abgeleitete PNEC (Predicted No Effect Concentration) liegt bei 2,7 μg/L.

Bei der biologischen Abbaubarkeit bestätigen mehrere OECD-Studien eine gute Abbaubarkeit: 95–97 % nach 28 Tagen (OECD 301F), 86,1–87,1 % nach 28 Tagen (OECD 301B), 92 % nach 28 Tagen (OECD 301C) sowie 95 % Elimination im Belebtschlammtest – konsistent mit dem von Symrise angegebenen Wert von 97,0 %. Das rechnerisch ermittelte Bioakkumulationspotenzial (Screening-Level BCF = 5338 L/kg, nicht direkt gemessen) führt in Kombination mit der guten Abbaubarkeit nicht zu einer PBT-/vPvB-Einstufung nach IFRA-Kriterien. Das Risikoverhältnis PEC/PNEC liegt sowohl für Nordamerika als auch Europa unter 1 – bei einem geschätzten Branchenvolumen von über 1000 Tonnen pro Jahr und einer 95.-Perzentil-Konzentration von 1,5 % in Fine Fragrance ist laut RIFM kein Umweltrisiko beim berichteten Verwendungsmuster zu erwarten.

Dass Globalide dennoch mit GHS09 und den H-Sätzen H400/H410 als gewässergefährdend eingestuft ist (siehe Produktseite), liegt an der formalen GHS-Systematik: Die akute aquatische Toxizität allein löst die harte Einstufung „Aquatic Acute 1" aus, unabhängig davon, dass Bioabbau, Risikoquotient und Expositionsdaten laut unabhängiger Bewertung kein reales Umweltrisiko beim beschriebenen Einsatz erwarten lassen – exakt dasselbe Muster wie bei Habanolide.

6. Verwandtschaft mit Habanolide

In der zitierten RIFM-Bewertung trägt der Eintrag den Titel „Oxacyclohexadecen-2-one, CAS Registry Number 34902-57-3" – also die CAS-Nummer von Globalide steht im Titel der Bewertung, während Habanolide (CAS 111879-80-2) darin ausdrücklich als Isomer eingeschlossen wird. Aus Sicht dieser unabhängigen Quelle ist Globalide damit gewissermaßen der „Stammeintrag", zu dem Habanolide als nahes Isomer hinzugezählt wird – umgekehrt zur landläufigen Wahrnehmung, in der Habanolide oft als das bekanntere Molekül gilt.

Die ausführliche Einordnung der Isomerenbeziehung – gleiche Summenformel C15H26O2, unterschiedliche Position und Geometrie der Doppelbindung, zwei eigenständig registrierte Handelsmarken für strukturell sehr eng verwandte Materialien – haben wir bereits in unserem Habanolide-Artikel ausführlich behandelt.

Häufige Fragen

Kommt Globalide in der Natur vor?

Nein. Anders als frühe Moschusstoffe wie Exaltolide, Muscon oder Civeton, die aus natürlichen Quellen isoliert wurden, ist Globalide laut Herstellerangaben ein rein synthetisches Molekül, das in der Natur nicht vorkommt.

Wann wurde die Marke Globalide eingetragen?

Die Wortmarke wurde am 23. August 1996 von Haarmann & Reimer GmbH angemeldet (US-Seriennummer 75155043) und am 29. Dezember 1998 eingetragen (Registrierungsnummer 2215051). Das genaue Entwicklungsdatum des Moleküls selbst ist nicht öffentlich dokumentiert.

Gibt es ein Patent auf Globalide?

Ein Stoffpatent für das Molekül selbst wurde in dieser Recherche nicht gefunden. Es existiert ein späteres Patent (WO2016005361A1, Symrise AG, 2014/2016), das jedoch spezifische Isomerengemische mehrerer makrozyklischer Moschusstoffe schützt – nicht die ursprüngliche Erfindung von Globalide.

Wie sicher ist Globalide laut unabhängiger Bewertung?

Die RIFM-Sicherheitsbewertung stuft das Material als sicher für die beschriebene Verwendung ein: hohe NOAEL-Werte (1000 mg/kg/Tag), keine Gentoxizität, schwache Hautsensibilisierungspotenz und ein Risikoquotient PEC/PNEC unter 1 in Nordamerika und Europa. Die aquatische GHS-Einstufung (H400/H410) beruht auf der akuten Toxizität für Wasserorganismen und steht dazu nicht im Widerspruch.

Was ist der Unterschied zu Habanolide?

Beide sind Isomere mit der Summenformel C15H26O2, die sich in Position und Geometrie der Doppelbindung unterscheiden. Interessanterweise ist in der unabhängigen RIFM-Bewertung Globalide (CAS 34902-57-3) der titelgebende Stammeintrag, Habanolide (CAS 111879-80-2) das eingeschlossene Isomer. Mehr dazu in unserem Habanolide-Artikel.


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→ Habanolide® (Firmenich/dsm-firmenich): der nahe Verwandte

→ Weitere Molekül-Referenzen in unserer Enzyklopädie