Bergamot Givco 104/5 – Bergamotte ohne Furocumarine
Bergamot Givco 104/5 von Givaudan – Die vollständige Referenz
Bergamotte steht am Anfang der modernen Parfümerie – und ist zugleich der Rohstoff, an dem Formulierer am häufigsten an eine regulatorische Grenze stoßen. Diese Referenz erklärt, warum das so ist, was Givaudan mit der Basis 104/5 dagegen unternimmt und wie man damit arbeitet.
Inhalt
- Was ist Bergamot Givco 104/5?
- Die Furocumarin-Frage
- Wie riecht es?
- Rolle in der Formel
- Bergamotte als Rohstoff
- 1709 – wie Bergamotte die Parfümerie begründete
- Kurzreferenz: Daten und Sicherheit
- Weiterführende Fragen
1. Was ist Bergamot Givco 104/5?
Givco ist die Basen-Linie von Givaudan: keine Einzelmoleküle, sondern fertig komponierte Mischungen, die den Charakter eines Naturstoffs in einem einsatzbereiten Material bündeln. Zur selben Linie gehören Black Agar Givco 215/2 (Oud), Green Tea Givco 228 und Orris Givco 204/2.
104 ist die Katalognummer der Bergamotte-Basis. Die „/5“ bezeichnet die Reformulierung: Givaudan hat die Basis überarbeitet, 104/5 ersetzt die ältere Fassung 104, die früher schlicht als „Bergamot (G)“ geführt wurde.
Formal ist das Material ein Parfüm-Compound – ein Gemisch, kein Einzelstoff. Es hat deshalb keine eigene CAS-Nummer, wohl aber eine UFI-Kennung und eine Sales-Nummer bei Givaudan.
2. Die Furocumarin-Frage
Hier liegt der eigentliche Grund, warum es diese Basis gibt.
Was Bergapten anrichtet
In der Schale der Bergamotte sitzen Furocumarine, allen voran Bergapten (5-Methoxypsoralen). Diese Moleküle sind photoaktiv: Gelangen sie auf die Haut und trifft anschließend UV-Licht darauf, lösen sie eine photochemische Reaktion aus. Das Ergebnis ist keine Allergie, sondern eine Verbrennung – mit Blasenbildung und einer Hyperpigmentierung, die über Monate bestehen bleiben kann.
Die Dimension wird an zwei Zahlen deutlich:
- Hautreaktionen beginnen ab etwa 10 ppm Bergapten
- Kaltgepresstes Bergamotteöl enthält es je nach Herkunft in der Größenordnung einiger tausend ppm – also mehrere hundert Mal über der Wirkschwelle
Die Regulierung
Die IFRA hat Bergamotteöl bereits 1974 beschränkt. Das war eine der allerersten Beschränkungen, die sich die Branche selbst auferlegt hat – lange bevor Sensibilisierung und Ökotoxizität zum Thema wurden. Für Leave-on-Produkte, die Sonnenlicht ausgesetzt sind, gelten seither enge Grenzen für den Bergapten-Gehalt.
Zwei Wege, zwei unterschiedliche Materialien
FCF-Bergamotteöl (furocoumarin-free): Dem natürlichen Öl werden die Furocumarine durch Vakuumdestillation entzogen. Das Ergebnis bleibt ein Naturprodukt. Der Eingriff geht allerdings nicht spurlos vorüber – mit den Furocumarinen verschwinden auch feine Kopfnoten-Nuancen, das Öl wird glatter.
Die komponierte Basis wie Givco 104/5: Der Bergamotte-Charakter wird aus Bestandteilen aufgebaut, unter denen keine Furocumarine sind. Die Basis enthält keine Furocumarine, und ihre Einstufung weist keine Phototoxizität aus.
Beides sind legitime Lösungen für dieselbe Aufgabe. Die Basis hat zwei zusätzliche Eigenschaften, die das Öl nicht bieten kann: sie ist von Charge zu Charge identisch, und sie hält in alkalischen Grundlagen, in denen natürliche Zitrusöle zerfallen.
Für die verbindliche Beurteilung der eigenen Formel gilt in jedem Fall das IFRA-Zertifikat des Herstellers.
3. Wie riecht es?
Die offizielle Beschreibung lautet schlicht citrus-like. Das ist korrekt und nichtssagend zugleich – der Reiz liegt in der Struktur dahinter.
Linalylacetat trägt die süßliche, leicht blumige Grundfacette. Sie ist der Unterschied zwischen Bergamotte und Zitrone: Zitrone ist scharf und gerade, Bergamotte ist rund und hat eine florale Tiefe.
Orangige Terpene liefern die spritzige Schalenfrische der ersten Minuten – den Eindruck von frisch aufgebrochener Zitrusschale.
Linalool bildet die Brücke: Es trägt länger als die Terpene und verbindet die Kopfnote weich mit dem Herzen der Komposition, statt sie abreißen zu lassen.
Praktisch bedeutet das: Die Basis riecht nicht nur nach Zitrus, sie trägt. Genau daran scheitern die meisten selbst gebauten Zitrus-Kopfnoten – sie sind nach zehn Minuten weg.
4. Rolle in der Formel
Zusammensetzung
| Linalylacetat | 30–50 % |
| Terpene und Terpenoide aus Orangenöl | 25–30 % |
| Linalool | 10–20 % |
| Orangenöl (süß) | 2,5–5 % |
| Citral, Limonen, Geranylacetat, Nerylacetat | kleinere Anteile |
In natürlichem Bergamotteöl machen Linalylacetat und Linalool zusammen etwa die Hälfte des Profils aus. Givaudan hat also nicht eine Stoffliste nachgebaut, sondern ein funktionierendes Verhältnis.
Dosierung
Eine Basis wird nicht in Spuren dosiert. Givaudan nennt für die Bergamotte-Basis bis zu 25 % im Konzentrat – ein völlig anderer Maßstab als bei Einzelmolekülen wie Javanol™, das bei 2 % endet.
Klassische Kombinationen
- Fougère: mit Lavendel und Cumarin – die Struktur, die seit Fougère Royale (1882) die maskuline Parfümerie prägt
- Chypre: mit Eichenmoos-Ersatz und Patchouli – Bergamotte ist hier keine Zutat, sondern Bedingung
- Eau de Cologne: mit Neroli, Zitrone und Rosmarin
- Modern floral: mit Hedione® für eine luftige, transparente Öffnung
5. Bergamotte als Rohstoff
Citrus bergamia ist vermutlich ein Hybrid aus Bitterorange und Zitrone oder Zitronatzitrone – die genaue Abstammung ist bis heute umstritten.
Rund 90 % der Weltproduktion an Bergamotteöl stammen aus Kalabrien, aus einem schmalen Küstenstreifen bei Reggio di Calabria an der Spitze des italienischen Stiefels. Etwa 1.300 Kleinbauern bewirtschaften dort die Bäume.
Ein paar Zahlen zum Maßstab: Ein Bergamottenbaum trägt erst nach vier bis fünf Jahren Frucht und liefert dann rund 100 Kilogramm im Jahr. Für einen Liter ätherisches Öl braucht es die Jahresernte von zwei ausgewachsenen Bäumen.
Givaudan auditiert diese Lieferkette seit 2017; zwei der drei Hauptlieferanten sind Mitglied der Union for Ethical BioTrade. Das Unternehmen arbeitet also parallel an beidem – an der natürlichen Kette und an der komponierten Basis. Es sind zwei Werkzeuge für zwei verschiedene Aufgaben, nicht Ersatz füreinander.
Woher der Name kommt
Zwei Erklärungen halten sich nebeneinander. Die eine leitet den Namen von der norditalienischen Stadt Bergamo ab, wo mit dem Öl gehandelt worden sein soll – was insofern erstaunt, als die Frucht tausend Kilometer weiter südlich wächst. Die andere führt ihn auf das türkische beg armudi zurück, „Fürstenbirne“, nach der Form der Frucht.
6. 1709 – wie Bergamotte die Parfümerie begründete
Der Italiener Johann Maria Farina gründet 1709 in Köln die älteste noch bestehende Parfümfabrik der Welt. Sein Einfall: Er löst Bergamotte und andere Zitrusöle in reinem Alkohol – bis dahin wurden Riechstoffe in Fetten und Ölen geträgert.
Das Ergebnis benennt er nach seiner neuen Heimatstadt: Eau de Cologne. Der Name überlebte seinen Erfinder und wurde zur Bezeichnung einer ganzen Duftkategorie.
An seinen Bruder schrieb Farina, der Duft erinnere ihn an „einen italienischen Frühlingsmorgen nach dem Regen, Bergnarzissen und Orangenblüten“.
Bergamotte steht damit nicht irgendwo in der Geschichte der Parfümerie – sie steht an ihrem Anfang. Die alkoholische Parfümerie, wie wir sie kennen, begann mit einer Zitrusfrucht aus Kalabrien.
7. Kurzreferenz: Daten und Sicherheit
| Hersteller | Givaudan Suisse SA |
| Produktart | Parfüm-Compound (Gemisch) |
| Sales-Nr. | 21009787 |
| UFI | UVYN-J2DN-J00E-NC29 |
| Aussehen | Flüssig, gelb bis dunkelgelb |
| Geruch | Zitrisch |
| Dichte (20 °C) | 875,42 kg/m³ |
| Dampfdruck (20 °C) | 0,5011 hPa |
| Flammpunkt | 62 °C (Grabner Miniflash, geschlossen) |
| Wasserlöslichkeit | Praktisch unlöslich |
| Furocumarine | nicht enthalten |
| Einsatzbereich | bis 25 % im Konzentrat |
Sicherheit: Eingestuft als gefährliches Gemisch, Signalwort „Gefahr“, Piktogramme GHS07, GHS08 und GHS09. Hautreizung Kategorie 2, schwere Augenreizung Kategorie 2, Hautsensibilisierung Kategorie 1, Aspirationsgefahr Kategorie 1, chronische Gewässergefährdung Kategorie 2.
Aspirationsgefahr Kategorie 1 ist der ernsteste Punkt: Beim Verschlucken kann das Material in die Lunge gelangen. Nicht mit dem Mund pipettieren, nicht in Lebensmittelbehälter umfüllen, bei Verschlucken kein Erbrechen auslösen und sofort ärztliche Hilfe holen.
Transport: UN 3082, Klasse 9, Verpackungsgruppe III, Meeresschadstoff.
Häufige Fragen
Ist Bergamot Givco 104/5 phototoxisch?
Nein. Die Phototoxizität von Bergamotte geht von Furocumarinen aus, allen voran Bergapten. Diese sind in der Basis nicht enthalten, und die Einstufung des Materials weist keine Phototoxizität aus. Für die verbindliche Beurteilung der eigenen Formel gilt das IFRA-Zertifikat des Herstellers.
Was ist der Unterschied zu FCF-Bergamotteöl?
FCF-Öl ist natürliches Bergamotteöl, dem die Furocumarine durch Vakuumdestillation entzogen wurden – ein Naturprodukt mit Chargenschwankungen. Givco 104/5 ist eine komponierte Basis, in der Furocumarine nie enthalten waren – konstant von Charge zu Charge und stabil in alkalischen Grundlagen.
Wie hoch dosiert man?
Deutlich höher als Einzelmoleküle. Givaudan nennt bis zu 25 % im Konzentrat. Als Kopfnote in einer Cologne-Struktur sind zweistellige Prozentwerte normal.
Warum hat das Material keine CAS-Nummer?
Weil eine CAS-Nummer einen einzelnen Stoff bezeichnet. Bergamot Givco 104/5 ist ein Gemisch aus mehreren Riechstoffen und wird deshalb über die UFI-Kennung und die Sales-Nummer des Herstellers identifiziert. Die einzelnen Bestandteile haben jeweils eigene CAS-Nummern.
Was bedeutet „Givco“?
Die Basen-Linie von Givaudan. Fertig komponierte Mischungen, die einen Duftcharakter als einsatzbereiten Baustein liefern – im Unterschied zu Einzelmolekülen, die nur eine Facette beisteuern.
Warum riecht Bergamotte anders als Zitrone?
Wegen des Linalylacetats. Zitrone wird von Limonen und Citral dominiert und wirkt dadurch scharf und gerade. Bergamotte hat mit dem Linalylacetat eine süßlich-blumige Komponente, die den Zitruscharakter rund und getragen macht.
Woher kommt Bergamotte?
Rund 90 % der Weltproduktion des ätherischen Öls stammen aus Kalabrien, aus der Gegend um Reggio di Calabria an der Südspitze Italiens.